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Zehn Dinge, die sich nach #MeToo noch ändern müssen

Aktuelle Umfragen zeigen, dass der Hashtag #MeToo mehr Bewusstsein für die Realität von Sexismus geschaffen hat. Doch es muss noch viel passieren, um das Problem zu lösen.

Anne-Sophie Keller
Dienstag, 16. Januar 2018 / 07:00 Uhr

Es begann mit einem Tweet und endete in einer Bewegung. Als Ende Oktober der Skandal um Harvey Weinstein publik wurde, brach ein Damm. In den laufenden Monaten wurden fast im Wochentakt Fälle von sexueller Belästigung publik. Die neuesten Schlagzeilen um die Star-Fotografen Bruce Weber und Mario Testino gabs am vergangenen Wochenende. Klar ist: Die Mehrheit der Täter ist männlich, die Mehrheit der Opfer weiblich. Die Debatte muss also unter dem Aspekt der Gender-Kritik stattfinden. Denn bei sexuellem Fehlverhalten geht es letzten Endes auch um Macht. Und Macht liegt global gesehen in Männerhand.

Hashtag-Aktivismus? Bringt das denn etwas? Ja. Dies zeigt unter anderem eine aktuelle Umfrage unter US-amerikanischen Bürgerinnen und Bürgern zur Ungleichheit der Geschlechter. Während im Dezember 2016 noch 30 Prozent Sexismus als grosses Problem einstuften, waren es im November 2017 bereits 44 Prozent der Befragten. 73 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass die Geschichten über sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt ihnen den Anstoss gaben, über Sexismus nachzudenken. Auch der Anteil derer, die mehr Politikerinnen fordern und mit ihren Familien über Geschlechtergleichheit gesprochen haben, ist deutlich gestiegen. Doch gerade weil das grassierende Problem der Gewalt gegen Frauen so vielschichtig ist, braucht es auch vielschichtige Lösungen.

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1. Noch mehr #MeToo: Schon nur, wenn die Bewegung einer Betroffenen dabei geholfen hat, sich mit ihrer Erfahrung weniger alleine zu fühlen, ist sie als Erfolg zu werten. Die Debatte muss weitergehen. Und zwar nicht nur in Hollywood, sondern auch in anderen Branchen. Weil sie ein Bewusstsein für ein reales Problem schafft und dieses Bewusstsein der erste Schritt zu einer Veränderung ist.

2. Bekämpfung der sexuellen Doppelmoral: Weibliche Sexualität wird dann gesellschaftlich akzeptiert, wenn sie passiv ist. Wenn sie selbstbestimmt ist, werden Frauen als Schlampen bezeichnet und ihnen wird bei Übergriffen nicht mehr geglaubt. Dieses Denkmuster muss sich ändern. Frauen sollen ihre Sexualität frei ausleben können, ohne negative Konsequenzen daraus ziehen zu müssen.

3. Die Rolle der Medien: Solange Frauen als Objekte und nicht als handlungsfähige Subjekte angesehen werden, werden sie auch als Objekte behandelt. Dabei spielen Medien eine wichtige Rolle: Wenn sie Sportlerinnen oder auch Politikerinnen systematisch auf deren Aussehen reduzieren und dazu noch reihenweise nackte Frauen abbilden, sendet das eine klare Botschaft: Eine Frau ist eine Ware. Und mit einer Ware kann man machen, was man will. Drum, liebe Kolleginnen und Kollegen: Berichtet über Frauen wie über deren Berufskollegen. So schwer ist das nicht.

4. Ein progressives Männerbild: Männer sind furchtlose Jäger! «Echte» Kerle! Erfolgreiche Eroberer! Diese veralteten Rollenbilder sind noch immer fest in den Köpfen vieler verankert. Männer haben stark zu sein, potent und durchsetzungsfähig. Sie sollen ein Nein nicht akzeptieren und für ihre Erfolge kämpfen. Solche Klischees sorgen für eine Kultur, in der Männer das Gefühl haben, sie können und müssen sich alles nehmen – notfalls mit Gewalt. Dieses Geschlechterbild ist destruktiv. Buben müssen männliche Vorbilder haben, die sich selbst und auch Frauen mit Respekt und Empathie behandeln.

5. Mehr Selbstreflexion: Wann habe ich schon einmal eine Grenze überschritten? Habe ich mein Gegenüber beim Flirten immer respektiert? Oder habe ich es auch mal zu etwas gedrängt und meine Bedürfnisse als wichtiger erachtet? Diese Fragen sollte sich jeder Mensch einmal stellen – egal, ob Mann oder Frau. Denn nur eine ehrliche Selbstreflexion verhindert, dass Menschen weiterhin zu Täterinnen und Tätern werden.

6. Mehr Mut: Dass Betroffene wie Ashley Judd oder Anthony Rapp sich geäussert haben, ist enorm wichtig. Gerade Menschen in privilegierteren Positionen sollten ihre Freiheit nutzen, ungestraft Missstände ansprechen zu können. Somit erfüllen sie eine wichtige Vorbildfunktion. Empowerment und Unterstützung sind für die Opfer entscheidend, aber sie müssen den Weg zur Gerechtigkeit letzten Endes alleine gehen. Das braucht Mut.

7. Mehr Frauen in entscheidenden Funktionen: Solange die Führungsetagen in Unternehmen reine Boy’s Clubs sind, wird sich gerade im beruflichen Umfeld auch nichts an einer sexistischen Kultur ändern. Männer fördern eher andere Männer, weil sie sich besser mit ihnen identifizieren können.

8. Eine aufgeklärte Unternehmenskultur: Sexuelles Fehlverhalten muss in Unternehmungen thematisiert werden. Zudem braucht es unabhängige Beratungsstellen, die im Falle eines Übergriffs Opfer unterstützen können. Auch weil die Opfer meistens hierarchisch unter den Tätern stehen, ihre Worte somit nicht gleich viel Gewicht haben, und die Konsequenzen für sie meist schlimmer sind.

9. Stop Victim Blaming: Wenn eine Frau nach einem Übergriff gefragt wird, wie kurz denn ihr Rock war, oder ein männliches Opfer erzählen muss, wie viel er getrunken hatte, dann nennt sich das Victim Blaming. Es ist dann der Fall, wenn das Opfer für die Tat verantwortlich gemacht wird. Passiert ist es jüngst im Nationalrat. Nachdem die SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz Übergriffe im Parlament öffentlich gemacht hat, wurde sie von ihrem Parteikollegen Adrian Amstutz zurechtgewiesen. Roger Köppel sagte danach, es beklage sich eine, die er noch nie ohne kurzen Rock oder hautenge Bluse gesehen habe. Sogar die Präsidentin der FDP-Frauen, Doris Fiala, meinte, es passe schlecht zu einer «Festnudel», dass sie sich angeblich nicht mehr mit einem Mann in den Lift traue. Victim Blaming beginnt subtil. Etwa dann, wenn man Menschen sagt, sie sollen sich halt «eine dickere Haut zulegen», statt dass sich das Betriebsklima ändert.

10. Ein härteres Sexualstrafrecht: Die rechtliche Verfolgung von sexuellen Übergriffen ist in der Schweiz ein Witz. Nur ein Bruchteil der Opfer klagt an und nur ein Bruchteil dieser Prozesse enden mit Konsequenzen für die Täter. Das Erbringen von Beweisen gestaltet sich in den meisten Fällen enorm schwierig. Zudem können Männer laut schweizerischem Sexualstrafrecht gar nicht vergewaltigt werden, denn das Gesetz definiert eine Vergewaltigung so, wenn ein Penis in eine Vagina eingedrungen ist. Die anale und orale Penetration oder das Eindringen mit einem Gegenstand gelten als sexuelle Nötigung. Als Mindeststrafe sieht das Gesetz dafür nur eine Geldstrafe vor; jeder dritte rechtskräftig verurteilte Vergewaltiger bleibt auf freiem Fuss.

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Anne-Sophie Keller

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