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Warum wir über Löhne sprechen müssen

Gleicher Job, unterschiedliches Gehalt? Auch 2018 verdienen viele Frauen weniger als ihre Kollegen. Zeit, der Lohndiskriminierung den Kampf anzusagen.

Miriam Suter
Dienstag, 9. Januar 2018 / 15:24 Uhr

Ich arbeite seit sechs Jahren als angestellte Journalistin und verdiene brutto 6000 Franken – inklusive 13. Monatslohn. Meine Miete beträgt knapp 700 Franken, die Krankenkasse kostet mich 230 Franken, mein GA bezahle ich in monatlichen Raten von jeweils neu 340 Franken. Für Ausgaben für Lebensmittel und Haushaltssachen gehen weitere 300 Franken auf ein Konto, das ich mir mit meinem Freund teile, und mein Handy-Abo kostet 90 Franken im Monat. Auf der izzy-Redaktion gibt es zwar Lohnunterschiede, wie mir eine kurze Umfrage verraten hat, die resultieren aber aus unseren unterschiedlichen Berufserfahrungen. Ich persönlich fühle mich für meine Arbeit fair bezahlt. Warum ich das alles aufschreibe? Weil wir mehr über Geld sprechen müssen. Und vor allem über unsere Löhne.

Diese Woche hat Carrie Gracie, China-Korrespondentin bei der BBC, ihre Stelle gekündigt, nachdem sie erfahren hat, dass ihre Kollegen mehr verdienen als sie. Als Protest, um darauf aufmerksam zu machen, dass Männer und Frauen für die gleiche Leistung den gleichen Lohn erhalten sollen. Allerdings kehrt sie der BBC nicht komplett den Rücken, sondern wechselt in den Newsroom in London – wo sie einen fairen Lohn erwartet, wie sie im offenen Brief auf ihrer Webseite schreibt. In den letzten Monaten hätten sich bereits 200 Frauen bei der BBC-Geschäftsleitung über die ungleichen Löhne der Geschlechter beschwert; bisher ohne Erfolg. Das Gegenargument: Es gäbe im Unternehmen gar keine Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau. Das sagt sich natürlich leicht, wenn man damit rechnet, dass die Angestellten untereinander nicht über ihre Gehälter sprechen.

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Und genau hier liegt das Problem. Solange wir nicht wissen, wieviel unsere Kollegen verdienen, haben wir nicht nur bei Lohnverhandlungen weniger Argumente in der Hand. Dieses Unwissen nährt ausserdem ein Arbeitsumfeld, in dem gilt: «Diskriminiert wird hier nicht, schliesslich spricht niemand darüber».

Auch in der Schweiz verdienen Frauen im Schnitt noch immer weniger als Männer. 2014 belief sich das Lohngefälle auf rund 15 Prozent. Dabei wird unterschieden zwischen Lohnunterschied und Lohndiskriminierung. Unterschiede gründen auf verschiedenen Arbeitserfahrungen, Ausbildungen und strukturellen Bedingungen: Frauen arbeiten beispielsweise öfter Teilzeit und in Branchen mit niedrigeren Löhnen ist der Frauenanteil in der Regel höher. Von Diskriminierung spricht man, wenn der Lohn der Frau auch unter Berücksichtigung dieser Faktoren noch immer niedriger ist als der des Mannes.

Noch grösser wird der sogenannte Gender Pay Gap übrigens je weiter man die Karriereleiter hinaufklettert: Frauen mit höherem Verantwortungsniveau verdienten 2014 laut Bundesamt für Statistik 8221 Franken brutto, Männer erhielten im Schnitt für die gleiche Stelle mit identischen Anforderungen 10’553 Franken – also gut 20 Prozent mehr. Frauen verrichten ausserdem den Grossteil der unbezahlten Sorgearbeit wie Hausarbeit, Kinderbetreuung oder die Pflege betagter Verwandter. Wir leben also in einem System, das weibliche Arbeit weniger wertschätzt als männliche.

​Es ist ein Teufelskreis: Tritt eine Frau bestimmt auf und fordert, was ihr zusteht, wird sie als zickig oder herrisch bezeichnet – der Mann hingegen als durchsetzungsfähig. Lässt sie das Verhandeln sein, ist sie selber Schuld, dass sie weniger verdient. Dass sich Frauen tendenziell weniger trauen, harte Lohnverhandlungen zu führen, hat auch damit zu tun, wie wir sozialisiert werden: Mädchen wird schon im Kindergarten beigebracht, stiller zu sein als die Buben.

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Auch ich habe mich in meiner Zeit als freie Journalistin vor Honorarverhandlungen gedrückt. Auch bei Verhandlungen bei Festanstellungen habe ich jeweils versucht, die Lohnfrage zu umschiffen. Weil ich es unangenehm finde, den Wert meiner Arbeit mit Geld aufzuwiegen. Ganz im Gegensatz zu meinen Branchenkollegen, wie ich übrigens immer wieder feststelle: Es scheint, als hätten sie weniger Hemmungen, selbstbewusst aufzutreten und ihr Ding durchzuziehen. Sie gehen mit einer völligen Selbstverständlichkeit vor – vom Vorschlagen von Geschichten bis hin zum Verhandeln des Gehalts. Sie sind sich offenbar dem Wert ihrer Arbeit stärker bewusst als ich.

Ich selber messe meiner Arbeit also weniger Wert bei, als ich könnte. Und das kann nicht so bleiben. Indem wir anfangen, untereinander über unsere Löhne zu diskutieren, legen wir einen Grundstein für gleiche Bezahlung; denn um Missstände abzubauen, muss man sie zuerst ansprechen. Nehmen wir 2018 also zum Anlass, über Geld zu reden. Fordern wir eine Lohnerhöhung nach erfolgreicher Arbeit. Fragen wir unsere Kollegen, wieviel sie verdienen. Und wenn auf deren Konto Ende Monat für die gleiche Arbeit mehr Geld landet als auf unserem, müssen wir uns wehren. Auch wenn es unangenehm ist. Der Weg zur Gerechtigkeit ist nie leicht – das Frauenstimmrecht war damals auch kein Spaziergang.

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Miriam Suter

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