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Warum wir glücklich sein wollen und eigentlich gar nicht damit umgehen können

Das Streben nach Glück ist das, was uns antreibt. Aber was, wenn das Glück dann da ist? Dann hinterfragen und sabotieren wir es uns zunichte.

Anne-Sophie Keller
Donnerstag, 10. Januar 2019 / 17:47 Uhr

Die Schweiz ist das viertglücklichste Land der Welt. Das besagt zumindest der World Happiness Report der Vereinten Nationen. Grundlagen des Berichts sind Faktoren wie Lebenszufriedenheit, psychische Gesundheit, die objektiven Folgen von Lebensglück und Zufriedenheit, die Wichtigkeit von Wertvorstellungen und daraus folgende politische Implikationen. Glücklicher als wir sind nur die oben im Norden, wo ja eh alles besser sein soll.

Doch wenn man sich mal auf der Strasse umschaut, hat man nicht wirklich das Gefühl, dass uns hier allen die Sonne aus den Arsch scheint. Sogar der bilderbuchschönste Sommer wird untermalt von einem Kanon aus Nörgeleien. Übers Schwitzen, den Klimawandel, den Ferienstress (!), die Dachterrassenwohnung, den Stau vor dem Gotthard, das Sommerloch in den Medien. Warum syt dir so truurig?

«Die Schweiz ist des Wahnsinns», schrieb der Thuner Autor Lukas Bärfuss in seiner mittlerweile legendären Tirade gegen das Vaterland, die im Wahlherbst 2017 in der deutschen «FAZ» publiziert wurde. Auf fünf Seiten grub Bärfuss eine tiefe Furche in die Schweizer Gesellschaft. Was dabei hervorkam, stank dem Citoyen gewaltig. Ein «Land von Zwergen» sei die Schweiz. Mutlos, verängstigt, ohne Rückgrat.

So arg steht es um uns dann doch nicht, würde ich mal meinen. Und doch frage ich mich: Sind wie hierzulande überhaupt in der Lage, Dinge einfach mal zu geniessen? Oder sabotieren wir unser Glück nicht jeweils selbst?

Wenn man jemanden Tolles kennenlernt, fragt man sich irgendwann, wo der Haken ist. Wenn alles gut läuft, findet man diesen Frieden trügerisch. Wenn mal kein Drama da ist, langweilen wir uns. Wir Schweizer sind ein Volk von Nörglern. Unser innerer Kritiker gehört zu unserer Identität. Und immer ist sie da, diese Angst. Vielleicht ist sie historisch bedingt. Noch vor hundert Jahren hatte die Schweiz nicht den Wohlstand von heute. Man war gezwungen, vorsichtig zu haushalten, um zu überleben. Wer den ganzen Tag ackert, ist in der Nacht zu müde zum Träumen.

Das sitzt uns noch immer in den Knochen. Also arbeiten und sparen und planen wir. Wir gehen nicht mit dem Flow, sondern nach unseren Pendenzenlisten. Pausen gibts nach Feierabend; grosse Sprünge sind verpönt und werden sowieso nur von Spinnern gemacht. Bescheidenheit ist gefragt! Und Selbstoptimierung – dieses Konstrukt ohne Obergrenze.

Ja, das Streben nach mehr ist das, was uns als Menschen weiter bringt. Es lässt uns Weiterbildungen absolvieren, Zeit in Menschen investieren, Grosses leisten. Wenn wir unserem Glück nachjagen, dann haben wir ein Ziel vor Augen; können unserem Leben eine Bestimmung und uns selbst eine Aufgabe geben. Doch was geschieht in diesen seltenen, kostbaren Momenten, in denen sich mal wirklich alles gut anfühlt? Im Status Quo sind wir total verloren.

Haben wir zu viele Ansprüche? «Ignorance is bliss», sagt Morpheus im 90er Sci-Fi-Epos «The Matrix». Unwissenheit ist ein Segen. Auch Einfachheit macht das Leben – nun – einfacher: Wenn du deine Erwartungen auf ein Minimum zurück schraubst, wirst du auch nie so hart enttäuscht werden.

Es sind nämlich die grossen Dinge, die uns Angst machen. Zum Beispiel die Liebe. «Geniess es!», sagen einem die Leute, wenn man frisch verknallt ist. Aber können wir mit dem schönsten Gefühl der Welt überhaupt umgehen? Grosse Gefühle können einen überfordern. Wenn man sich auf jemanden einlässt, wenn man sich wirklich in die Liebe fallen lässt, wie es der englische Ausdruck so schön beschreibt, dann verliert man Halt und Sicherheit. Wenn man sämtliche Mauern des Selbstschutzes einreisst, dann bleibt nur noch die totale Verletzlichkeit. Das passt nicht zu einem Land, in dem wir Versicherungsverträge abschliessen als wäre es ein Volkssport. Aber Glück braucht Mut.

(unten weiterlesen)

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Und Glück – das sind oft nur die kleinen Momente: An Weihnachten nach Hause zur Familie zu fahren. Etwa gutes Essen. Eine Nachricht vom Schatz kriegen. Zeit mit Freunden verbringen. Den perfekten Regenbogen auf Instagram posten. Ein Good Hair Day. Ein Orgasmus.

Aber längerfristig glücklich sein? In den meisten Ländern dieser Welt haben die Leute in der Gegenwart so viele Probleme, dass sie gar keine Zeit haben, sich über die Zukunft Sorgen zu machen. Wir haben das Privileg, vorausschauen zu können. Und letztendlich liegt doch da der Hund begraben: Wenn wir uns Sorgen machen, dann um etwas, das in der Zukunft passieren könnte. Dass wir unsere Miete nicht mehr bezahlen können, alt werden, jemanden verlieren.

Viele Philosophen sagten, dass das Glück immer etwas ist, das von innen heraus kommen muss. Und es liegt in der Gegenwart. Vielleicht ist Glück kein Zufall, sondern vielmehr eine bewusste Entscheidung. Ja, «choose happiness» klingt wie ein bescheuertes Inspirational-Quote einer Insta-Influencerin. Aber es hat eben was.

Man kann sich ewigs beklagen und Sorgen machen. Oder man ist dankbar für das, was man hat. Genügsam sein, klingt so abgedroschen. Aber eigentlich ist das total Buddha.

«Glück gibt es in jeder Richtung: nach innen und nach aussen, nach oben und nach unten, nach rechts und links», sagt der deutsche Mediziner und Schriftsteller Eckart von Hirschhausen. Man müsse es nur ein wenig trainieren.

Du kannst am Morgen übers Aufstehen jammern oder dankbar sein, dass du einen Job hast. Du kannst dich einmauern und die Coole spielen oder du lässt jemanden wirklich in dein Herz und findest Frieden. Du kannst ewigs die Verletzte spielen oder du lässt deinen Schmerz dort, wo er hingehört: in der Vergangenheit. Du kannst dir auch den Kopf zerbrechen über Dinge, die dir die Zukunft ruinieren könnten und sowieso nicht in deinem Einflussbereich liegen. Oder du freust dich auf all den geilen Shit, den du noch erleben darfst.

Einfach mal la bambele – wie Müslüm sagen würde.

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Anne-Sophie Keller

Krawalle & Liebe

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