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Warum nicht jedes schlechte Date ein #MeToo-Fall sein muss

Die Debatte über sexuelle Übergriffe ist um einen Fall reicher: den des US-Comedians Aziz Ansari. Und ich als Feministin gerate in einen Gewissenskonflikt.

Miriam Suter
Donnerstag, 18. Januar 2018 / 18:02 Uhr

Am 13. Januar erschien auf der Internetplattform «Babe» ein Text mit dem Titel «I went on a date with Aziz Ansari. It turned into the worst night of my life». Im Essay erzählt die 23-jährige Fotografin Grace (deren echter Name nicht genannt wird) von ihrem Date mit dem Comedian und Regisseur («Master of None») und davon, wie der Abend in seiner Wohnung geendet hat. Ein weiterer #MeToo-Beitrag, so scheint es auf den ersten Blick. Nur: Der Artikel hätte so nicht erscheinen dürfen. Zu Beginn ist er aus journalistischer Sicht untragbar: Ansaris Management hatte weniger als einen ganzen Tag Zeit, um auf die Vorwürfe zu reagieren, und es wurden Screenshots des privaten SMS-Verlaufs veröffentlicht, die nicht notwendig gewesen wären. Der Artikel leistet der aktuellen Debatte über sexuelle Belästigungen dadurch einen Bärendienst.

Der Text löste sintflutartige Reaktionen aus, wurde über 2,5 Millionen Mal gelesen und trifft den #MeToo-Nerv unserer Zeit. Ist ja auch juicy, klar: Der selbsternannte Feminist Ansari trug auf dem roten Teppich der Golden Globes stolz einen «Time’s Up»-Pin, um damit seine Unterstützung für die gleichnamige Initiative gegen sexuelle Belästigungen auszudrücken. Und nun wird er selbst eines Übergriffs beschuldigt.

Der Fall spaltet die Gemüter. Es ist wichtig, über solche Erlebnisse zu berichten. Geschieht das aber unreflektiert, schadet das der Sache und verharmlost die Strukturen, die den sexuellen Übergriffen zugrunde liegen, die unter #MeToo beschrieben wurden. Hier liegt kein systematischer Machtmissbrauch vor, wie es etwa bei Harvey Weinstein der Fall war. Es ist ein einzelner Fall, der auch als schief gelaufenes Date wahrgenommen werden kann. Gleichzeitig zeigt die Geschichte, wie fein schraffiert der Graubereich ist, wenn es um Einvernehmlichkeit geht.

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Oh oh.., Versuche es erneut!

In ihrem Essay beschreibt Grace ausführlich, wie Ansari sie zum Geschlechtsverkehr zwingen will und wie sie mehrfach beim Oralsex mitmacht. Mehr will sie aber nicht, was sie sowohl verbal als auch nonverbal zu verstehen gibt. Ansari versucht es noch ein paar Mal – auch das wird ausführlich beschrieben – bis sich Grace schliesslich ein Taxi ruft und nach Hause fährt.

Am nächsten Tag kontaktiert Ansari die 23-Jährige per SMS, schreibt, er habe sich gefreut, sie kennenzulernen. Sie antwortet ihm, wie unwohl sie sich gefühlt habe und dass sie ihm mit auf den Weg geben wolle, dass er sich seines Verhaltens bewusst sein müsse. Damit die nächste Frau, die er datet, während der Taxifahrt nach Hause nicht auch in Tränen ausbrechen muss. Inzwischen hat Ansari schriftlich Stellung genommen. Er schreibt, es würde ihm unendlich leid tun, was vorgefallen sei. Aber für ihn seien die Handlungen an diesem Abend im gegenseitigen Einverständnis geschehen.

Es ist nicht immer einfach, klar zu signalisieren, wo der Spass aufhört und wo man sich bedroht fühlt. Vor allem dann nicht, wenn es sich anfühlt, als sei man schon zu tief in der Geschichte drin. Mir ist vor Jahren etwas ähnliches passiert. Mit 18 habe ich im Ausgang den ganzen Abend mit einem Typen getanzt und rumgeknutscht. Als im Club die Lichter angingen sagte ich, dass ich jetzt den Zug nach Hause nehmen werde. Er bestand darauf, mich zum Bahnhof zu begleiten; um vier Uhr morgens in einer eher verlassenen Gegend schien mir das vernünftig. Und gegen einen Abschiedskuss hatte ich auch nichts einzuwenden. Kurz bevor wir den Bahnhof erreichten, fragte er mich, ob ich nicht mit ihm nach Hause kommen wolle. Ich sagte nein – und kicherte. Einerseits, weil ich betrunken war; andererseits, weil mir die Situation unangenehm war und ich sie auflockern wollte. Weil ich irgendwie das Gefühl hatte, das sei meine Aufgabe.

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​Der Typ liess nicht locker und küsste mich wieder, dieses Mal fand ich es unangenehm. Er hob mich hoch und hielt mich so fest, dass ich mich kaum bewegen konnte. In diesem Moment habe ich gespürt, dass ich körperlich keine Chance hätte, mich zu wehren. Als er mich losliess, schubste ich ihn von mir weg. Ich sagte deutlich, dass ich jetzt nach Hause gehen werde und er mich bitte in Ruhe lassen sollte. Ich würde das letzte Stück des Wegs auch alleine schaffen. Er schnaubte verächtlich und zog davon. Im Zug nach Hause war mir schlecht und ich überlegte mir ernsthaft, ob mir überhaupt zugestanden war, ihn abzulehnen. Schliesslich war ich die, die ihn angesprochen, ihn zuerst geküsst und ihm durchaus zu verstehen gegeben hatte, dass da mehr hätte laufen können.

Das gibt ihm keinen Freipass, mir auf dem Heimweg ans Höschen zu wollen. Aber ich kann heute nachvollziehen, dass er versucht hat, mich nach meiner ersten Zurückweisung zu überzeugen, doch mit ihm nach Hause zu kommen. Weil er so sozialisiert wurde, dass mein «Nein» beim ersten Mal nicht unbedingt «Nein» bedeutet. Weil mir von Teenie-Zeitschriften beigebracht wurde, ich solle es dem Jungen nicht zu einfach machen. Weil er keine Gedanken lesen kann.

Die #MeToo-Debatte hat nicht nur gezeigt, wie viele Frauen und Männer schon Erfahrungen mit Übergriffen gemacht haben. Sondern auch, wie schwierig es sein kann, diese zu belegen. Wie oft Opfern noch immer nicht geglaubt wird. Dennoch: Nicht jeder Übergriff geschieht absichtlich und kann zudem auch nur von einer Seite als solcher empfunden werden. Der Fall Ansari könnte also Wegbereiter sein für die Diskussion, welche die #MeToo-Debatte nachhaltig macht: der Austausch darüber, dass wir mehr miteinander sprechen müssen. Mehr zuhören müssen, gerade im sexuellen Kontext. Dass ein «Nein» beim ersten Mal schon so gemeint sein kann und man bei Unklarheiten besser nachfragt. Diese Diskussion muss jetzt stattfinden. Und zwar bevor die Chance dazu vom nächsten Shitstorm weggefegt wird.

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Miriam Suter

Journalistin

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