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Warum mich dieses Video so viel Überwindung gekostet hat

Mit Depressionen kämpfen mehr Menschen, als man annimmt. Auch ich. Trotzdem fiel es mir schwer, in einem unserer Videos darüber zu sprechen.

Miriam Suter
Freitag, 12. Januar 2018 / 15:08 Uhr

Ich sitze bei meinem Hausarzt in der Sprechstunde und weine seit fünf Minuten. Kriege kaum ein Wort heraus und bin gestresst, weil ich meine Probleme nicht ausformulieren kann. Es ist mittlerweile mein dritter Termin innerhalb weniger Monate, an dem mir das passiert. Als ich mich ein wenig beruhige und wieder normal atmen kann, schaut er mich an und sagt: «Für mich ist die Diagnose klar: Depression.» Und mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich war damals etwa 16 Jahre alt und froh, endlich einen Namen zu haben für das dunkle Gefühl, mit dem ich seit einigen Monaten zu kämpfen hatte.

Eine Krankheit mit gesellschaftlichem Stigma

Depressionen können sich anfühlen wie Wirbelstürme im Kopf. Wie Knoten im Bauch. Wie Nebel über den Augen. Es gab damals Tage, an denen ich nicht aus dem Bett kam. Oder keinen Sinn mehr sah in meinem Dasein. Aber das muss nicht so bleiben. Mein Arzt verschrieb mir Antidepressiva und Gesprächstherapie, was mir beides sehr geholfen hat. Ich habe mich damals meiner Familie und meinen engsten Freundinnen und Freunden anvertraut, mich aber sonst lange nicht dazu durchringen können, mit jemand anderem darüber zu sprechen. Weil ich Angst hatte, ausgelacht zu werden. Oder noch schlimmer: Nicht ernst genommen zu werden. Weil die Krankheit Depression noch immer ein starkes gesellschaftliches Stigma mit sich trägt.

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Dabei setzen wir sonst überall auf Gesundheit: Unser Müsli darf keinen Zucker, muss dafür am besten Quinoa und Açaí-Beeren enthalten. Wir joggen, machen Yoga, ziehen auch mal einen alkoholfreien Monat durch und erinnern uns gegenseitig daran, genügend Wasser zu trinken. Wenn wir uns das Bein brechen, lassen wir uns im Spital verarzten und schonen uns so lange, bis alles wieder zusammengewachsen ist. Mit unserer Psyche hingegen gehen wir nicht so liebevoll um. Weil das ja irgendwie nicht so richtig zählt.

Dabei ist Depression genau so eine Krankheit wie eine Grippe oder Migräne. Eine Krankheit, die man mit der entsprechenden Behandlung therapieren und in manchen Fällen sogar kurieren kann. Um dieses gesellschaftliche Stigma abzubauen ist es wichtig, dass wir offen darüber sprechen. Also schlug ich in einer Redaktionssitzung vor, dass wir ein Video zu diesem Thema machen und erzählte, dass ich gern selbst Teil davon wäre. Am Drehtag, als ich die beiden anderen jungen Frauen vor der Kamera sprechen sah, wusste ich, dass dieses Video wichtig ist. Was es aber für mich selbst bedeutet, wurde mich erst kurz nach dem Dreh klar: Tausende Menschen werden danach wissen, dass ich Depressionen habe.

Nicht die Angst bestimmen lassen

Plötzlich hatte ich Angst davor, wie damals mit 16 Jahren. Angst, dass man mich als Psycho abstempeln könnte. Oder danach nur noch mit Samthandschuhen anfassen würde. Als Social-Magazin ziehen wir ausserdem nicht nur die netten Menschen an. Wir haben unter unseren Videos teilweise Kommentare, die wir aus ethischen Gründen nicht zulassen können. Auch das hat mir Angst gemacht. Und genau deshalb habe ich mich dazu entschieden, in dem Video mitzumachen.

Das Feedback auf das Video war überwältigend; viele Menschen schrieben mir Nachrichten, wie froh sie darum seien. Und wie wichtig es für sie sei, zu sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Und mir wurde bewusst, dass es die richtige Entscheidung war. Denn nur mit solchen Schritten können wir dazu beitragen, dieses Tabu Schritt für Schritt abzubauen. Be the change you want to see.

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Miriam Suter

Journalistin

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