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Warum Abtreibungen auch in der Schweiz verteidigt werden müssen

In den USA schockiert eine Welle restriktiver Abtreibungsverbote. Warum reproduktive Selbstbestimmung auch hier nicht in Stein gemeisselt ist.

Anne-Sophie Keller
Freitag, 17. Mai 2019 / 14:08 Uhr

Jedes Jahr werden in der Schweiz 10’000 Abtreibungen durchgeführt. Wenn man sich als junge Frau in seinem Kollegenkreis umhört, findet man bestimmt die eine oder andere Frau, die sich bereits gegen ein Kind entschieden hat. Oder oftmals nicht einfach gegen ein Kind, sondern gegen einen Zeitpunkt und für einen besseren Zeitpunkt, um einem Menschen den Start ins Leben zu ermöglichen.

Dass Frauen über ihren Körper entscheiden können, ist noch nicht lange eine Selbstverständlichkeit. Genauer gesagt erst seit 17 Jahren. 1998 wurden die parlamentarische Initiative zur Fristenregelung sowie die von Abtreibungsgegnern lancierte «Initiative für Mutter und Kind» eingereicht. 2002 kamen beide Vorlagen vors Volk. Die Fristenregelung wurde mit 72 Prozent angenommen; die Verbotsinitiative mit 82 Prozent abgelehnt. Seit dann können Frauen bis zur 12. Woche selbständig über einen straflosen Abbruch entscheiden und sind nicht mehr von einem ärztlichen Gutachten abhängig.

Damit fand ein rund hundertjähriges, politisches Ringen ein Ende. Und der Weg dorthin war zuweilen hässlich: Sogenannte Pro-Life-Befürworter verglichen Abtreibungen mit dem Holocaust und schimpften die Frauen Mörderinnen. Trotzdem: Noch heute mobilisiert der «Marsch fürs Läbe» jeden Herbst gegen die reproduktive Selbstbestimmung. Und der oberste Bischof der Schweiz, Charles Morerod, sagt, dass in medizinischen Notfällen sogar eher das Leben des Kindes, statt das der Mutter gerettet werden sollte.

Was Frauen mit ihrem Körper anstellen, bewegt die Politik. Und genau das nimmt derzeit in den USA besorgniserregende Ausmasse an. Dort tritt bald das restriktivste Abtreibungsgesetz der USA in Kraft. Laut einem Beschluss des US-Senats dürfen in Alabama Abtreibungen nicht einmal mehr nach Vergewaltigungen oder bei Inzest durchgeführt werden. Ärzten, die die Prozedur trotzdem vornehmen, droht eine Haftstrafe von bis zu 99 Jahren.

In Florida wird derweil darüber verhandelt, ob Minderjährige abtreiben dürfen. Sprich: Wenn ein Richter eine Frau als nicht reif genug für die Entscheidung einer Abtreibung halten, dann soll sie dazu gezwungen werden, ein Kind austragen und Mutter zu werden. Die Ironie daran wäre unterhaltsam, wenn sie nicht so tragisch wäre.

Die ausnahmslos konservativen und meist republikanischen Abtreibungsgegner nennen sich die Pro-Life-Fraktion. Und dieser Begriff ist an Häme nicht zu überbieten. Es sind diese Politiker, die im gleichen Atemzug an der medizinischen Grundversorgung sparen wollen und sich für amerikanische Waffenexporte in Krisengebieten aussprechen. Die Heuchelei geht aber noch weiter: Alabama hat eines der schlechtesten Bildungssysteme der USA. Ein Staat, der sowas verantwortet, schert sich keinen Dreck um Kinder.

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Was hat das mit uns zu tun? So einiges. Was in den USA passiert, zeigt ganz genau, dass erkämpfte Rechte nicht in Stein gemeisselt sind und immer wieder verteidigt werden müssen. 2010 lancierte der sogenannte Verein «Mamma» zusammen mit einer Gruppe Parlamentariern die Volksinitiative «Schwangerschaftsabbruch ist Privatsache», die zur Folge gehabt hätte, dass die Kosten aus der obligatorischen Grundversicherung gestrichen worden wären. Sie wurde mit 70 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.

Was viele im Kontext der Abtreibungsfrage nicht begreifen: Verbote sorgen nicht für weniger Abtreibungen. Sie sorgen für mehr tote Frauen. Bevor der Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz legal wurde, griffen verzweifelte Frauen zu drastischen Mitteln. Sie kratzten die Schwangerschaft mit einem Kleiderbügel aus; viele verbluteten dabei. Sie mixten sich selbst Medikamentencocktails, um die Schwangerschaft auszustossen. Oder sie liessen sich gezielt Tritte in den Bauch versetzen. Wohlhabende Frauen konnten in gewissen Fällen ins Ausland flüchten, ergo traf es wieder einmal die Ärmsten.

Erkämpfte Rechte müssen verteidigt werden. Das wird in den USA mit bedrohlicher Ernsthaftigkeit klar. Ein Blick ins Ausland zeigt zudem, dass reproduktive Selbstbestimmung keineswegs überall selbstverständlich ist: In Irland durfte bis 2018 nur bei Lebensgefahr für die Mutter abgetrieben werden und wenn sie selbstmordgefährdet ist. Polen hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas. 2014 wollte der konservative spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy Abtreibungen wieder grundsätzlich für illegal erklären.

Je nachdem, wie stark sich die Schweizer Politik in den nächsten Jahren in eine konservative Richtung entwickelt, dürfte die Abtreibungsfrage auch hier wieder auf den Tisch kommen. Knapp 25’000 Personen unterstützen hierzulande die Petition «Abtreibungsfolgen öffentlich machen». Der Verein «Marsch fürs Läbe» hat diese im Februar eingereicht. Die Bevölkerung solle «über die grossen Risiken der Abtreibung ohne ideologische Scheuklappen aufklären», sagte Daniel Regli, OK-Präsident vom «Marsch fürs Läbe», in einer Mitteilung.

Die 25 Politiker, die in Alabama über das restriktive Gesetz abgestimmt haben, waren allesamt weisse, ältere Männer. Also Menschen, die sich noch nie in ihre Leben mit dieser Frage auseinandersetzen mussten oder jemals die Konsequenzen dieses politischen Entscheids tragen werden. Es ist bezeichnend. Und es ist völlig unverständlich, dass der Gesetzesentwurf letzten Endes von einer Frau unterzeichnet wurde.

Warum dieses Frauenrecht unbedingt zu schützen ist, erklärten uns 2017 diese fünf mutigen Frauen in einem izzy-Beitrag anhand ihrer Geschichte:

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Anne-Sophie Keller

Krawalle & Liebe

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