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Silvester und ich, wir leben getrennt

Champagner, Feuerwerk und Paillettenkleid – bitte ohne mich! Eine Analyse zur Überbewertung von Silvesterparties. Es geht mit gutem Gewissen auch ohne.

Silvia Princigalli
Freitag, 21. Dezember 2018 / 17:46 Uhr

Jedes Jahr dieselbe Leier: “Was hast du an Silvester für Pläne?”. Und das schon Ende Oktober, obwohl der weihnachtliche Marathon mit Glühwein trinken, Kerzen ziehen und Fondue rühren vor Jahresende erst noch bevorsteht. Neujahrsfeiern sind wie Steuern, sie betreffen jeden für irgendwie länger als sie sollten, und doch kann sie keiner gänzlich igonrieren. Aber Steuern sind besser. Für Steuern hat man Buchhalter. Die Silvesternacht muss man am eigenen Leib durchleben, und zwar mit Herz und Seele. Denn wenn man dies nicht tut, dann stimmt was nicht mit dir. Dann bist du den Champagner nicht wert und Feuerwerkskörper hast du dir sowieso nicht verdient.

Silvester und ich, wir leben getrennt

In meiner Kindheit war das anders. Da lag mein Fokus auf den farbigen Knatterstäben mit Knistereffekt, die ich damals kurz vor Mitternacht in meinen Handschuh gedrückt bekam. Nach dem Countdown zielte ich allein darauf ab, die Neujahrszahl in die Dunkelheit der Nacht zu schreiben, während Mama ein Foto davon knipste. Zwei Raketen später war ich ebenfalls froh, wenn ich um 02:00 ins Bett geschickt wurde.

Knatterstäbe mag ich noch heute
. Die Rahmenbedingungen rund um den Anlass haben sich einfach verändert: Um das neue Jahr ehrwürdig einzuläuten, muss Outfit, Location, Gäste und Stimmung auf dem höchsten Niveau sein. Jeder gibt, und erwartet, nur das Beste! Es soll das Fest aller Feste werden. Die Wende, bei der Altes dankend oder verteufelnd verabschiedet und Neues, mit offener sowie etwas beängstigender Anmut, begrüsst wird. «Frohes neues Jahr!», «Viel Glück», «Guten Rutsch», heisst es. Und das immer wieder aufs Neue. Jeden 31. Dezember.

Rund ein Jahrzehnt folgte ich diesem Brauchtum. Auf dem Dachboden finden sich Requisiten zu Themenparties wie „Rockstars und Models“, „Red Lipstick and Moustache“ und „The Golden Years“. Klar, dass solche Labels durchaus Fragezeichen aufwerfen. Rückblickend haften an ihnen jedoch schöne Augenblicke an Jahreswenden mit guten Freunden sowie berauschenden Festen. Daneben finden sich ebenso Erinnerungen an Faktoren, welche die Silvesternacht nüchtern betrachtet, zu einem einzigen Stress-Anlass machen.

Vor Silvesterabend:

Haben alle ein Ticket zur Location? Wer kommt überhaupt? Wo und was werden wir zu Abend essen? Stimmt die Musik? Haben wir Champagner und Gläser für das Feuerwerk um Mitternacht? Stimmt das Outfit?

Kurz vor Mitternacht:

Sind alle da? Haben alle etwas zu trinken? Wie viel Uhr ist es? Sind alle gut drauf? (Als Single: Wen küsse ich um Mitternacht?) Wieso spielt keine bessere Musik?

Nach Mitternacht:

Wie lange bleiben wir? Muss ich mich jetzt von allen wieder verabschieden und „Gutes Neues“ wünschen? Wie komme ich nachhause?

«Happy zero fucks given»

Seitdem ich Silvester vor wenigen Jahren im Ausland verbracht habe – fernab vom Rummel um die Fete mit Freunden und Familie – zelebriere ich Neujahr nur noch nach dem Motto: „Zero fucks given“. Das heisst, spontan den Abend dort zu verbringen, wo es mich hintreibt. Kein Ticket zu einer exklusiven Party, kein Paillettenkleid, ins Bett gehen, wenn ich müde bin und nicht um Mitternacht anstossen, sondern dann, wenn ich Lust darauf habe. Dieses Jahr verbringe ich Silvester wieder im Ausland, ohne Pläne und ohne schlechtes Gewissen. Denn mit Freunden feiern kann ich auch spontan während den restlichen 364 Tagen im Jahr.

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