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Meine betrunkenen Freunde

Kein Glühwein, eine nüchterne Firmenweihnachtsfeier und jede Menge Selbstreflexion: Wie ich den Dezember ohne Alkohol überlebt habe, ohne eine Aussätzige zu werden.

Anne-Sophie Keller
Freitag, 5. Januar 2018 / 07:00 Uhr

Eine Freundin erzählte mir Ende November, sie hätte mit einem Kumpel so viel Glühwein getrunken, dass sie ihm die Wohnung vollgekotzt hatte. Mein BFF gönnt sich fast jeden Abend ein Glas Wein. Meine Arbeitskollegen versumpfen derweil ziemlich oft beim Freitagsbier, das auch schon mal ein Montags- oder Dienstagsbier war. Ich selbst hatte soeben meinen 28. Geburtstag gefeiert. Drei Mal. Mit Champagner bis zum Abwinken, einer Handleserin und MDMA-Bowle um Mitternacht. Living the life.

Bis ich irgendwann checkte, dass ich gerade zwei Wochen lang jeden Abend Alkohol konsumiert hatte. Nein, ich habe mich nicht 14 Tage lang abgeschossen. Aber da war halt mal dieser Apéro hier und dieser glühweinachtliche Abend dort. Oder der feine Rote, der so gut zum feinen Fleisch passte. Oder der Drink, den ich mir nach nem langen Arbeitstag wirklich verdient hatte. Oder der Prosecco mit meinen Girls, um über einen Typen hinwegzukommen.

Und genau so, wie ich diese Zeilen jetzt geschrieben habe, habe ich auch gedacht: in Rechtfertigungen. Gründe zum Trinken hat man ja schliesslich immer. Wenn man was zum Feiern hat und erst recht dann, wenn man nichts zum Feiern hat. Es war also kurz vor Dezember, ich war betrunken und alle um mich herum waren auch betrunken.

Dezember ohne Alkohol 1

Zeit für ein bisschen Selbstreflexion. Ich verkündete, dass ich den Dezember ohne Alkohol verbringen würde. Als die Worte mal ausgesprochen waren, fühlte ich mich schon so ein bisschen «mehbesser». Ich kann auch ohne Alkohol Spass haben, ihr Loser! So müssen sich die Vegetarier fühlen, wenn sie anderen sagen, dass sie imfall gut auf Fleisch verzichten können.

Die Reaktionen? People lost their shit. Ob ich eigentlich wahnsinnig sei, das ausgerechnet im Dezember zu machen? Und genau wegen dieser Empörtheit wusste ich, dass dieses Experiment wichtig ist. Weil die ganzen sozialen Aktivitäten im Dezember letzten Endes nicht nur, aber auch auf Alkohol basieren. Das Glühweinsaufen am Weihnachtsmarkt, die vielen Apéros, die Firmenweihnachtsfeier, das Weihnachtsessen bei der Familie, Silvester. Hey, irgendwie muss man sich in den kalten Tagen ja warm halten.

Alkoholkonsum wird in unserem Kulturkreis so glorifiziert, dass es schon fast pervers ist. Du hattest einen harten Tag? Trink ein Glas Wein! Auch mit meinen Arbeitskollegen, die die ganze Zeit irgendwelche Alkohol-Memes fabrizierten, hatte ich ein paar kritische Auseinandersetzungen. Gemäss Bevölkerungsbefragungen trinken fast neun von zehn Personen ab 15 Jahren zumindest gelegentlich Alkohol; fast eine von zehn Personen trinkt täglich Alkohol. Der Alkoholkonsum von Frauen nimmt dabei stetig zu. Irgendwie hat der Drink in der Hand halt auch diesen gewissen Lifestyle-Faktor — er ist ja sowas von Sex And The City!

Treat yourself, so das Motto. Ich hatte nach einem Rosé-getränkten Sommer genug self-treatment. Die Zeit lief, der erste Dezember kam bald. Und er war ein Freitag. Nicht irgendein Freitag, sondern der Freitag, an dem mich mein Arbeitgeber an den traurigsten Ort der Welt schickte: die Extasia. Mein Arbeitskollege war schon mal dort und sagte, es sei so grusig, dass man am Ende einfach nur zuhause eine halbe Stunde in Embryostellung unter der heissen Dusche liegen möchte. Grossartig, danke.

Tatsächlich sass ich an besagtem Freitag irgendwann endlich im Zug nach Hause und war einfach nur fertig. Und ja: Ich hätte verdammt gerne einen Drink gehabt. Oder zumindest ein Glas Weisswein. Die erste Erkenntnis kam also nach ein paar Stunden: Alkohol ist meine beste und einfachste Bewältigungsstrategie.

Alkohol macht Herzschmerz erträglicher, lahme Partys ohne gute Gesprächsthemen lustiger, das Tinder-Date hübscher. Man knutscht einen anderen Menschen an einem späten Freitagabend schneller, wenn man schon drei Gläser Wein gebechert hat. Weil die Wangen dann schon etwas röter sind, die Fingerbeeren und andere Körperstellen langsam etwas kribbeln, der Spruch schon etwas lockerer über die Lippen geht und die Hemmungen etwas tiefer sind.

(unten weiterlesen)

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Oh oh.., Versuche es erneut!

Nicht zu trinken verändert deinen Blick auf die Welt und auf dich selbst. Ich habe vor einigen Jahren Boy George interviewt. Damals erzählte er mir, wie er nach jahrelangem Alkohol- und Drogenmissbrauch endlich clean wurde. «Es ist eine wundervolle Sache, in deinem Leben anwesend zu sein», sagte er. Ich habe diese Worte bis heute nicht vergessen und im Laufe des Dezembers verstanden.

Nicht zu trinken macht etwas mit dir. Nicht flüchten zu können macht etwas mit dir. Du bist beim Date klarer und kannst nicht schummeln. Du wirst an der Party etwas schneller müde und spürst den Moment, nach dem die Nacht nicht mehr besser wird.

Viele, die ein paar Wochen ohne Alkohol verbracht haben, sagten, ihr Freundeskreis habe sich verändert. Diesbezüglich hatte ich Glück: Niemand hat irgendwie versucht, mich zu überreden. Als mir mein Mitternachtskuss-Auserwählter an Silvester einen Champagner ausgeben wollte, sagte ich einfachheitshalber, dass ich gar nicht trinke, und er fragte nicht einmal nach. Die betrunkenen Leute auf Partys haben mich mit ihrem Flow mitgerissen und die Abende waren lustig — auch wenn ich das anfangs noch nicht zugeben wollte.

Meine Girls kauften für mich fortan eine Flasche Rimuss Secco. Das Zeug ist bubbly, süss, goldig, macht Spass und rettete mein Leben. Ich füllte es in Vintage-Champagnerbecken aus Kristall und die Welt war in Ordnung. Schliesslich willst du im Glitzerkleid nicht mit einer PET-Wasserflasche rumstehen.

Dezember ohne Alkohol 2

Habe ich geschummelt? Nicht wirklich. Als ich meinen Eltern Ende Dezember Bloody Marys servierte, habe ich einen Schluck probiert, weil ich viel zu viel Wodka reingekippt habe — als müssten sie für mich überkompensieren — und wissen musste, ob meine Stiefmutter das noch runter kriegt. Und an der Firmenweihnachtsfeier habe ich einen Finger in das Glas einer Freundin gedippt, weil ich den Geschmack von Prosecco vermisst habe.

Apropos Firmenweihnachtsfeier: Es gibt kein grösseres Gefühl von Macht, als den Moment, wenn du als beinahe einzige Nüchterne in einem Raum voller Angetrunkener bist. Ich weiss alles. Ich weiss, wer sich mit wem gezofft, wer mit wem geflirtet, wer welche dumme Bemerkung fallen gelassen und wer sich mit wem davongeschlichen hat. Und ich war total im Mami-Modus. Ich glaube, das passiert einfach. Ich habe meiner Freundin Uber installiert, weil sie unmöglich noch ihre Kreditkartennummer eingeben konnte. Ich habe einen kleinen Streit geschlichtet und einem Arbeitskollegen, der rumpöbelte, Manieren beigebracht.

Das klingt total spassbefreit — aber der Abend war grossartig. Ich habe getanzt wie eine Verrückte, weil ich irgendwann nur noch Energy Drinks trank und total hyper wurde. Ich hab bis zum bitteren Ende durchgehalten und fand frühmorgens durch den strömenden Regen den Weg nach Hause. Ich wachte auf und es lag ein total verkatertes Souvenir neben mir. Ich habe alles gemacht, was eine Betrunkene so gemacht hätte. Nüchtern.

Nach dieser Nacht war alles irgendwie easy. Ich habe gemerkt, dass die Frage, ob man nüchtern auch Spass haben kann, nicht vom Alkohol, sondern von den Umständen abhängt. Wenn man krass introvertiert ist, beschissene Freunde hat und an lahme Partys geht, dann ist es definitiv einfacher, sich die Welt ein bisschen schöner zu trinken. Wenn nicht, dann gehts auch ganz gut ohne.

Silvester kam und mit ihm die Erlösung. Dezember endete wie erwartet um Mitternacht und ich hätte wieder bechern können, als gäbe es keinen Katermorgen.

Tja, und dann geschahs. Ich wollte irgendwie gar nicht. Ich hatte den grossartigsten Dezember ohne einen Tropfen Alkohol. Ich trank Punsch am Weihnachtsmarkt, RedBull an Partys, Rimuss bei meinen Freundinnen, Ginger Beer an Dates, Schwarztee an Weihnachten und Mate an Silvester.

Werde ich wieder trinken? Womöglich schon. Aber ich habe ehrlich gesagt im Moment überhaupt kein Bedürfnis dazu. Und solange das so ist, setze ich meine Abstinenz noch ein Weilchen fort. Schliesslich beginnt bei den meisten jetzt der Detox-Januar und ich kriege ein paar nüchterne Gspändli.

Ein Dezember ohne Alkohol: Ich hab Kohle gespart und sie in Uber-Fahrten zu einer Freundin investiert. Ich habe die nicht konsumierten Alkoholkalorien kompensiert, indem ich den ganzen Dezember lang Weihnachtsgüetzi zum Frühstück ass. Ich habe bei Frustrationen meditiert statt gesoffen und war so Gandhi wie schon lange nicht mehr.

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Anne-Sophie Keller

Krawalle & Liebe

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