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Ja, ich esse genug!

Als schlanker Teenager musste ich mich ständig mit dummen Sprüchen, «gut gemeinten» Ratschlägen und nervigen Fragen zu meiner Figur herumschlagen. Warum das übergriffig ist.

Valérie Jost
Freitag, 3. August 2018 / 15:07 Uhr

Ich war schon immer dünn. Ich habe nie wirklich viel Sport betrieben oder besonders auf meine Ernährung geachtet, nie eine Diät gemacht; ich bin einfach dünn. Als Kind war mir das herzlich egal, aber als Teenager wurde es von meinem Umfeld plötzlich zum Thema gemacht.

Ich konnte kaum an ein Familienfest gehen, ohne dass ich mir einen Kommentar zu meiner Figur anhören musste. Aussagen wie «Du bist ja so dünn, was machst du nur?!» oder gleich «Komm, ich geb dir nochmals von der Pasta!» waren normal für mich. Mich und meinen Körper ständig verteidigen zu müssen auch. Ich habe irgendwann gelernt, damit umzugehen.

Was aber viel stärker an meinem Selbstbewusstsein kratzte, war die Schulzeit. Während alle Mädchen um mich herum ihre ersten BHs kauften und sich über ihre breiter werdenden Hüften aufregten, steckte ich immer noch im Körper eines Kindes. Mir selbst hätte das wohl nicht sehr viel ausgemacht. Weil es aber ständig thematisiert wurde, interessierte es mich plötzlich, wie weiblich ich aussah - bis auf meine (damals noch) langen Haare nämlich gar nicht.

«Flachland Jura» wurde ich von den Jungs genannt und wenn ich Shorts trug, bekam ich zu hören: «Sexy Hosen, Valérie, nur schade, dass du die Figur dafür nicht hast!» Doch auch die Mädchen spielten mit. Eine fragte mich mal, warum ich überhaupt einen BH trage. Ich überspielte meine Unsicherheit mit der Antwort, ich fände es einfach «bequemer». Said no woman ever. Die Folgen? Ich begann auch selbst, meinen Körper genau zu begutachten, zu kritisieren, tausende Makel zu finden.

Natürlich erhielt ich auch viele Komplimente, weil ich immerhin dem Schlankheitsideal entsprach. Dann waren es aber meist Komplimente, mit denen sich eigentlich die anderen wichtig machen wollten: «Als ich so jung war wie du, war ich auch noch so schön schlank…» Was wollte sie von einer 15-Jährigen denn für eine Antwort darauf? Eine Bestätigung, dass sie «doch auch immer noch schlank» sei? Der Neid von anderen hat mich immer überfordert und tut es noch immer. Weil er ein Problem ist, das zwar an mich herangetragen wird, ich aber nicht lösen kann.

(unten weiterlesen)

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Dass ich selbst mit meiner Figur vielleicht auch nicht ganz zufrieden war, hat sich niemand überlegt. Mir wurde von anderen vorgeschrieben, wie ich über meinen Körper zu denken habe. Mir kam es vor, als könne ich gar nicht «richtig» sein. Ein Problem, das die meisten Frauen kennen: Du musst Kurven haben, aber nur an den richtigen Stellen. Du musst schlank sein, aber nicht zu sehr; Hungerhaken mit knochigen Rücken sind unsexy. Du musst fit und trainiert sein, aber nicht zu männlich; mit muskulösen Armen bist du eine «Kampflesbe» oder ein «hässliches Mannsweib». Als Frau sind unsere Körper ein ständiges Politikum und sorgen nicht nur in den Medien für ständigen Diskussionsstoff. Und wer mich fragt, ob ich magersüchtig sei, verharmlost eine Krankheit, die immer wieder junge Frauen in den Tod reisst.

Heute bin ich im Einklang mit meinem Körper, aber das war nicht immer so. Dass niemand das Recht hat, mir ungefragt seine Meinung zu meinem Körper aufzudrängen, habe ich erst Anfang 20 realisiert. Bis dahin vergingen Jahre voller Selbstzweifel und Kompensationsmechanismen: Statt sexy war ich dann eben süss, «herzig» halt. Doch wer sagt, dass ich sexy sein muss? Wer hat das Recht, mir vorzuschreiben, dass ich Kurven brauche, um eine «echte Frau» zu sein? Heute weiss ich: Niemand. Denn ich bin gut so, wie ich bin.

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Valérie Jost

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