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Mehr Dialog, weniger Streit: ein Plädoyer fürs Zuhören

Auf allen Kanälen prallen Meinungen aufeinander und niemand weicht von der eigenen Position ab. Hysterische Gesinnungsdebatten bringen aber nichts, wir müssen mehr auf unsere Diskussionspartner eingehen.

Lorenz König
Donnerstag, 11. Januar 2018 / 17:28 Uhr

Egal ob im linken oder im rechten Lager: Gegen die andere Seite zu wettern, ist mittlerweile fester Bestandteil moderner Debattenkultur. Beliebt ist dabei der Gebrauch von Etiketten. Diese werden grosszügig auf den Mund derer geklebt, die eine abweichende Haltung äussern: Die Linken sind naive Gutmenschen; die Rechten herzlose Wutbürger. Täglich beobachten wir dieses ideologisch gefärbte Kabarett im Fernsehen, in der Bar oder auf Facebook.

Meinung vs. Aha-Moment

Haltung und ein klares Profil sind gefragt, können aber zu Gift werden, wenn man Brücken zwischen ideologischen Inseln schlagen möchte. Jahrelang befand ich mich als Community Manager, der sich auf der Website der Neuen Zürcher Zeitung um die Leserkommentare kümmerte, im Auge des Meinungstaifuns, den die Kommentatoren regelmässig auslösten. Die Bilanz dieser Arbeit ist ernüchternd: Die eigene, gefestigte Meinung zu verteidigen stand oft über dem Verlangen nach Erkenntnisgewinn. Das Verhalten der NZZ-Leserschaft bildet keine Ausnahme, sondern viel mehr die Regel: Wir wollen mit der Diskussion keine Einsicht gewinnen, wir wollen das Wortgefecht für uns entscheiden. Wer in der emotional aufgeladenen Sphäre von Facebook und Leserkommentarspalten gegen die andere Gesinnung poltert, kriegt von seinen ideologischen Weggefährten digitalen Applaus. Das ist zwar gut fürs Ego. Doch wenn der Applaus verhallt ist, bleibt der Graben. Und der wird zunehmend tiefer.

„Wir wollen mit der Diskussion keine Einsicht gewinnen, wir wollen das Wortgefecht für uns entscheiden.“

Der deutsche Netzwelt-Guru Sascha Lobo wagte ein Experiment: Er diskutierte ein gutes Jahr lang mit Leuten im Internet, die er jeweils zu Beginn in die rechte Ecke stellte. Er liess sich auf die Leute ein und hakte bei Aussagen nach. Dadurch erhielt er ein differenzierteres Bild von ihnen. Natürlich waren Rechtsextreme unter den Diskussionspartnern. Doch wie Lobo schilderte, entpuppten sich während des Dialogs vermeintliche Nazis als Konservative, die sich missverständlich ausdrückten, oder als Wichtigtuer, die mit ihren Kommentaren versuchten, ihr Umfeld zu beeindrucken.

Sascha Lobos Experiment erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, doch es weist auf einen zentralen Punkt hin: Es ist falsch, alle, die rechte Parolen hinausblasen, sofort ins feindliche Lager abzuschotten.

re:publica 2017 – Sascha Lobo: Vom Reden im Netz.

Raus aus der Echokammer

Wir sind in unserer Echokammer gefangen und ertrinken im eigenen Konsenssumpf. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist gegenseitiges Verständnis. Und das kann nicht erreicht werden, wenn wir reflexartig alle Menschen mit entgegengesetzten Ansichten zu naiven Hippie-Gutmenschen oder zu Nazis auf Lebenszeit verdammen.

Populismus rückt immer mehr in die gesellschaftliche Mitte. Daher ist es eine Gratwanderung zwischen dem Ernstnehmen von Ängsten und dem Sicheinlullenlassen von hetzerischer Rhetorik — egal ob links oder rechts. Menschen haben irrationale Ängste. Die Dinge, vor denen sie sich fürchten, sind nicht zwingend real, ihre Ängste aber schon. Und diese werden politisch ausgeschlachtet und haben reale Folgen. Wenn wir ihnen den Gesinnungsstempel zu voreilig aufdrücken, tritt eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ein. Damit giessen wir Wasser auf die populistischen Mühlen. Vielleicht sollten wir zuerst die Gemeinsamkeiten erkennen, bevor wir aufeinander losgehen.

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Lorenz König

Basler Wahlzürcher

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