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Hört auf, euch zu kümmern!

Frauen kümmern und sorgen sich ständig um irgendwen oder irgendwas. Nur nicht um sich selbst. Warum es schwierig ist, nicht in diesem Muster stecken zu bleiben.

Anne-Sophie Keller
Donnerstag, 7. Juni 2018 / 16:48 Uhr

Sind es die Mütter, von denen Erziehungsarbeit erwartet wird, oder Väter? Hat dein Bürokollege oder deine Bürokollegin nach dem letzten Apéro aufgeräumt? Erzählst du deine Probleme lieber deiner Kollegin oder deinem Kumpel? Wer erinnert dich an den Geburi deines Grosis? Die sogenannte Care-Arbeit ist weiblich, prekär und wenn überhaupt, dann schlecht bezahlt. Für diese Erkenntnis muss man sich nicht einmal die zahlreichen Studien dazu reinziehen. Es reicht ein Blick in den Alltag.

In den letzten fünf Tagen habe ich die grosse Schwester für zwei liebe Menschen gespielt, die Wohnung eines Freundes aufgeräumt und mit ihm über seine Twenty-Something-Struggles gesprochen, andere Menschen mit weniger Lohn mit 500 Franken Miete (die ich seit einem halben Jahr monatlich zahle) unterstützt, einer anderen Feministin mit ihrer Bachelorarbeit geholfen, meine einsame Grossmutter angerufen, im Büro zwei Mal die Tassen von anderen abgewaschen und einer Freundin einen halben Tag lang beim Putzen für die Wohnungsabgabe geholfen.

Ich liebe all diese Menschen und bin glücklich, so viel Raum, Zeit, Energie und Wärme zu haben, dass ich davon abgeben kann. Und vieles kommt zurück. Aber hätte ein Mann all das in diesem Ausmass gemacht, was sich für mich irgendwie selbstverständlich angefühlt hat? Ich kenne einige, die das getan hätten. Aber das Gros? Kaum.

Laut dem Bundesamt für Statistik wurden in der Schweiz 2013 insgesamt 8.7 Milliarden Stunden unbezahlt gearbeitet; Frauen übernehmen den Grossteil dieses Arbeitsvolumens. Und laut dem «New York Magazine» erledigen Frauen weltweit täglich viereinhalb Stunden unbezahlte Arbeit wie einkaufen, kochen, waschen, Kinder betreuen. Doppelt so viel wie die Männer, so der OECD. Und das Ganze fängt früh an. Mädchen erledigen mehr Ämtli zuhause und es gibt Studien, die belegen, dass sie tendenziell jedoch weniger Taschengeld erhalten.

Unter dem Begriff Care-Arbeit versteht man gemeinhin Pflege- und Sorgearbeit. Also: Zuhause putzen, auf die Kinder aufpassen, der kranken Nachbarin helfen, an die Geschenke für die Grosseltern denken. Der Wert dieser Arbeit beträgt Millionen von Franken. Würden Frauen sich nicht gratis abrackern, könnte die Schweizer Wirtschaft in dieser Form nicht bestehen. So à propos Dienst am Vaterland.

Und wenn wir uns nicht für andere aufopfern, dann für irgendwelche Ideale. Ich bin Feministin seit ich vor vier Jahren meinen ersten feministischen Text veröffentlicht habe. Seither habe ich zahlreiche grossartige Frauen dieser Bewegung kennenlernen dürfen. Sie haben sich öffentlich hingestellt, sich Gehör verschafft, sich für eine Sache eingesetzt, Unmengen an Dreck dafür gefressen – und sich dabei völlig kaputt gearbeitet. Sie wollten sich von Idealvorstellungen lösen und sind im Korsett der starken Alleskönnerfrau erstickt.

Der einzige Weg daraus: sich radikal um uns selbst und weniger um andere zu kümmern. Weil die totale Emanzipation erst dann möglich ist, wenn wir uns nicht mehr darum kümmern, was andere von uns denken. Ob wir erfolgreich genug sind, schlank genug, nett genug. Wenn wir einfach mal lernen, dass wir auch so genug sind. Wenn wir uns mal eingestehen, dass wir nicht so unersetzbar sind, wie wir manchmal denken.

Klar, ich finde es immer noch wichtig, sich für eine Sache einzusetzen. Sich um die zu kümmern, die weniger Glück hatten. Der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Solidarisch zu sein und was Sinnvolles mit seiner Zeit anzustellen. Gerade wenn man wie ich als weisse Mittelschichtfrau in der Schweiz geboren wurde und mal abgesehen vom nicht vorhandenen Y-Chromosom den Lebensumstände-Jackpot im Lottospiel namens «Menschsein auf dieser Welt 2018» geknackt hat.

Aber man muss sich selbst an die erste Stelle setzen. Man muss sich das selbst Wert sein, sich so um sich zu kümmern, wie man sich um andere kümmert. Und lernen, dass das nichts mit Egoismus zu tun hat. Wenn man sich nicht hilft, kann man anderen auch nicht helfen. Du kannst aus einem leeren Brunnen kein Wasser schöpfen.

(unten weiterlesen)

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Also, Frauen, setzt euch mal einen Moment hin und fragt euch, was ihr und was euer Körper grad brauchen. Vielleicht ist es ein warmes Bad und eine Trainerhose. Ein Gespräch mit der besten Freundin. Gebuchte Ferien. Eine warme Tasse Tee. Psychologische Hilfe. Eine Massage. Ein altes Tagebuch lesen. Joggen gehen und sich mal so richtig dabei auskotzen. Toxische Leute aus dem Leben entfernen. Diesen bescheuerten Chick Flick schauen, bei dem man immer lachen muss. Draussen spazieren gehen. Nein sagen. Eine Auszeit planen. Mal wieder essen, worauf man Bock hat, und der Welt deinen vermeintlich unperfekten Körper zumuten. Self Care ist mehr als ein Instagram-Hashtag. Es bedingt, ehrlich mit dir zu sein sowie dich und deine Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Stellt die Balance zwischen Geben und Nehmen wieder her. Es gibt nichts Glamouröses daran, überarbeitet zu sein. Es gibt nichts Heroisches daran, sich für andere aufzuopfern. Es gibt nichts Süsses daran, gerettet werden zu müssen. Und nein, dein Helferkomplex macht dich nicht zum ehrenhaften Menschen. Er macht dich traurig, abhängig und kaputt.

Unsere Generation ist die erste Generation von Frauen, die wirklich die Chance hat, ein Leben nach eigenen Bedingungen zu leben. Wir sind nicht mehr gezwungen, alles in uns hinein zu fressen und dann im Alter zu verbittern, weil wir ständig zu kurz gekommen sind und nur für andere gelebt haben. Das ist unsere wahre Freiheit. Und es ist Macht. Lasst sie uns weise nutzen.

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Anne-Sophie Keller

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