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Hört auf, Englisch zu sprechen!

«Canceln» statt «absagen», «fair enough» statt «meinetwegen» und «nice» statt «gut»: Der Zürcher Denglisch-Wahnsinn nimmt groteske Züge an. Vor der Anglo-Epidemie zu flüchten, ist zwecklos.

Lorenz König
Mittwoch, 13. Dezember 2017 / 18:46 Uhr

Kürzlich war ich an einem Kunstanlass in den Überresten des Binzareals. Natürlich traf ich da auf eine Menge urbaner Menschen mit Bomberjacken, Schnürbooties und weissblond gefärbten Haaren — Vaporizer in der linken, Craft Beer in der rechten Hand. Was mich mehr überraschte, als ich mich zu einer Gruppe von vier bereits ziemlich angeklatschten ZHdK-Studenten gesellte: Gefühlt jeder dritte Ausdruck war auf Englisch. Von «Oh my God, it was so crazy» zu «you’re such a bae» bretterten sie angelsächsische Phrasen, als befänden sie sich auf dem Campus der Stanford-Universität. Soweit ich beurteilen konnte, waren Manuel, Olivia und ihre beiden Kollegen allerdings allesamt Deutschschweizer. Denglischalarm in der Zürcher Kunstszene, dachte ich und nahm einen Schluck von meinem Gintonic.

Auch ausserhalb des Hipster-Habitats sucht einen der Denglischwahnsinn heim. Als ich auf dem Sechseläutenplatz im vergangenen Sommer meine Mittagspause zusammen mit einem 24-Franken-Salat vom Globus genoss, sassen zwei Befallene auf Stühlen in meiner Nähe und glänzten mit einer Mischung aus breitestem Züridütsch und penetrantestem New-Yorker-Akzent. Auch das Utoquai, ein paar Meter vom Sechseläutenplatz entfernt und Refugium alteingesessener Zürcher Bonvivants, bietet kaum Schutz gegen Englisch sprechende Schweizer. Dort war ich dazu verdammt, einen Dialog zwischen zwei vermeintlichen Weltenbürgern mitzuhören, wobei ich zu Beginn allen Ernstes dachte, es handle sich um Expats. Englisch-Akzent-Niveau: unantastbar. Ich muss nicht mal das Büro verlassen, um Zeuge des Denglischwahnsinns zu werden, auch meine Redaktionskolleginnen und -kollegen greifen an Sitzungen liebend gern auf diese Sprache zurück.

Dieses Phänomen kann ich mir nur auf zwei Arten erklären. Ursache eins: Diese Zürcher, die in Zürich mit Zürchern Englisch sprechen, sind dermassen oft im Ausland, dass sie sich mehr an die englische Sprache gewöhnt haben. Ursache zwei — und die erscheint mir plausibler: Habitus.

Angesichts der Tatsache, dass die Gesprächspartner ihre Stimme um 20 Dezibel erhöhen, wenn sie englische Ausdrücke verwenden, gehe ich davon aus, dass sie eine Botschaft für alle ihre bemitleidenswerten Anwesenden haben, die verdammt sind, ihrer Unterhaltung zuzuhören: Schaut her, ich spreche Englisch! Und nicht zwar nicht so schülermässig wie du, nein, ich klinge so, als hätte ich mein halbes Leben in Los Angeles verbracht. Ich bin so international wie die weissen Chucks an meinen Füssen. Um diesem Erscheinungsbild gerecht zu werden, schleifen sie fleissig an ihrem Westküstenakzent, perfektionieren ihren Uptalk und optimieren ihr Vocal Fry (sorry, dafür gibt’s keine deutschen Ausdrücke).

Hört auf damit!

Um das klarzustellen, ich hab nichts mit Schweizer Folklore am Hut. Aber mit Verlaub, liebe Zürcher Englisch-Ninjas, mit eurem konstanten Englisch-Geblubber treibt ihr euer zwanghaftes Weltenbürgergehabe auf die Spitze. Die meisten von euch sind nun mal keine global-kreativen Lifestylenomaden, die zwischen New York, London und Seoul pendeln. Natürlich wärt ihr lieber in Los Angeles, San Francisco oder zumindest in Glasgow geboren. Ihr habt einen Komplex, weil ihr im provinziellen Zürich lebt, aber nicht die Eier, habt, wegzuziehen. Euer Studienaufenthalt in Australien ist schon 15 Jahre her. Aber, hey, Zürich ist auch nicht schlecht und die Kirschen in Nachbars Garten schmecken immer süsser.

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Der Weg zum Glück startet mit Akzeptanz: Akzeptiert, dass ihr provinzielle Schweizer seid. Und zum Glück handelt es sich beim Englisch-Gewichse um eine Gewohnheit und Gewohnheiten kann man ändern. Wieso also nicht beim nächsten Mal «ernsthaft» sagen statt «seriously», «stark» statt «nice», «Leute» statt «guys» oder «meinetwegen», statt «fair enough»? Glaubt mir, ihr werdet weiterhin von euren Freunden geliebt und von eurem Arbeitgeber geschätzt. Und man kauft euch auch so ab, dass ihr sämtliche Netflix-Serien auf Englisch schaut – wenn auch mit deutschem Untertitel – und dreimal im Jahr nach New York fliegt und sogar den einen oder anderen echten, Englisch sprechenden Freund habt. Und übrigens, auch ein Schweizer Akzent im Ausland hat durchaus Charme, dem könnt ihr getrost treu bleiben.

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Lorenz König

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