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Stirb langsam: Warum meine Liebe zu Facebook erlischt

Wann hast du das letzte Mal Facebook geöffnet und gedacht: «Woah macht das Spass hier»? Ich persönlich weiss es nicht mehr. Facebook fühlt sich wie eine Verpflichtung an, wie ein nerviges, dauersterbendes Tamagotchi.

Jonas Bayona
Mittwoch, 10. Januar 2018 / 10:52 Uhr

Wer ist auf Facebook?

Das Marketing deiner Zahnpasta ist auf Facebook. Deine Eltern sind auf Facebook. Dein unheimlicher, überreligiöser Onkel ist auf Facebook. Menschen, die glauben, dass die Erde eine Scheibe, Michelle Obama ein Mann und Angela Merkel ein Reptiloid ist, sind auf Facebook. Und der Typ aus dem Nachbarshaus deiner Kindheit hat soeben für seinen Hund ein Profil erstellt und dir damit eine Freundschaftsanfrage geschickt.

Und sie alle fluten Facebook mit den Inhalten, welche sie vor wenigen Jahren noch als PowerPoint-Präsentation im Mailanhang mitgeschickt hätten. Spassstufe irgendwas zwischen 9gag und der Meme-Kampagne von McDonald’s.

Was ist auf Facebook?

• 7 meiner Freunde gehen offenbar übermorgen an eine Veranstaltung in meiner Nähe. Also in Davos. Die Nähe zu Zürich ist relativ zu verstehen.

• Ein ehemaliger Klassenkamerad lädt mich ein, das Nagelstudio seiner neuen Freundin zu liken.

• 3 neue Freundschaftsanfragen von halb nackten Fakeprofilen, die sich mittlerweile nicht mal mehr die Mühe machen, authentisch wirken zu wollen — eines der Mädchen im Negligé heisst offenbar Beat und will, dass ich sie «f*cke, bis ich ihr aufs Gesicht kletter». Hmm. Speziell. Aber nein, danke.

• Gefühlt jeder dritte Post ist Werbung für Lederrucksäcke, weil ich mir vor 4 Monaten mal einen online gekauft habe. Aber schon crazy, diese Retargeting-Werbung. Hätte ich vor Kurzem im Lotto gewonnen, würde ich jetzt wohl sehr viele Rucksäcke besitzen.

• Eine alte Bekannte von mir ist nun Fitnessmodel und Motivationscoach. Schade nur, dass sie so die Produkte eines Pyramidenschemas verticken will. Irgendwelche pulverisierten Algen als Ergänzungsnahrung oder so, viele Bilder von «Team-Events» in ehemals glanzvollen Kongresshotels mit lauter schönen Menschen. Alle mit diesem verzweifelten «Hilfe, der Fotograf hält eine Waffe auf uns und zwingt uns dazu»-Lächeln. Fürchterlich.

Wo bleibt die Lösung?

Was kann ich dagegen machen? Fürs Entfrienden habe ich zu viele Skrupel. Scheiss Transparenz. Ich stell mir vor, wie ich die Fitnessfreundin und ihren seltsam ockerfarbenen, eingeölten Körper zufällig irgendwo am See sehe, sich unsere Blicke kreuzen und ich die stille Verurteilung von «DU HAST MICH ENTFRIENDED» in ihren Augen sehen muss. Nope. Das ist mir zu viel soziales Debakel. Dann doch lieber gelegentlich ihre Bizepsbilder mit Wandtattoosprüchen, die selbst für eine Tankstellen-Postkarte peinlich wären.

Und so scrolle ich mich durch den Feed. Hier ein Video, welches der Beweis für Aliens sein soll (wegen der Pyramiden, weisch!). Da Bilder von Toten im Krieg und irgendwas gegen oder für Israel. Dann wieder ein Lederrucksack. Gefolgt von einem äusserst dämlichen Kommentar eines Bekannten, der sich gegen die Überfremdung wehrt. Dann ein Bild einer französischen Bulldogge mit Schal, Überschrift: «Ich im Winter». Haha. Darunter dann «Alle sagten, es sei unmöglich, bis einer kam und es einfach machte #fitlife #eathealthy».

#Fuckthat.

Bin ich mitschuldig?

Ich habe die letzten vier Jahre meines Lebens sehr intensiv damit verbracht, vorwiegend Marketing- und Medienmenschen die mystischen Untiefen der sozialen Medien näher zu bringen. Manchmal fühlte ich mich dabei schrecklich jung, wie damals, als ich meiner Grossmutter ihr erstes Handy erklärte. Und es hat immer Spass gemacht.

Jetzt aber schaue ich auf diesen generischen Haufen Müll, der sich in meiner Timeline stapelt, und fühle mich mitschuldig. Ich habe aktiv dazu beigetragen, dass Menschen, welche keine Passion oder Gespür für das Internet haben, Inhalte sharen und erstellen. Dabei hätte ich es wissen müssen: Man kann schon allen Menschen die Bedienung eines Instruments beibringen. Aber wenn bei ihnen keine eigene Auseinandersetzung mit den Tönen stattfindet, hat man keine musikalischere Gesellschaft, sondern ganz viel schreckliche Musik. Grüsse gehen raus an Reggaeton!

Ganz unironisch folgt an dieser Stelle eine Facebook-Like-Box

Been there, done that

Aber ist okay. Ich bin von Gästebuch zu Forum, von Forum zu Meinbild (kennt das überhaupt noch jemand?), von Meinbild zu MySpace, von MySpace zu MSN, von MSN zu Facebook. Und da habe ich in den letzten 10 Jahren allerlei Wechsel und komische, grossartige, dumme Dinge gesehen.

Darum: Danke dafür allen kreativen Köpfen da draussen und irgendwie auch danke Facebook dafür, dass du dazwischen immer wieder was echt Tolles warst. Eine digitale Heimat.

Du bleibst mein liebster Login- und Registrier-Button und ich bleibe dir auf Instagram erhalten. Zumindest so lange, bis auch das zugemüllt wird.

The Circle of Life und so.

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Jonas Bayona

Creative Direction

Wir können auch Freunde sein!

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That's it. Danke, dass du hier bist ♥