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Das Zeitalter der Aufklärung in Hollywood

Die #MeToo-Debatte hat in Hollywood Spuren hinterlassen: An den Golden Globes zeigte sich das mit einem schwarzen Protest, bitterbösen Witzen gegen Weinstein & Co. und starken Voten für Geschlechtergleichheit.

Anne-Sophie Keller
Montag, 8. Januar 2018 / 14:35 Uhr

«Guten Abend, Ladies und übriggebliebene Gentlemen!» Als Seth Meyers letzte Nacht mit diesen Zeilen die Golden Globes eröffnete, war klar: Auch diese Award-Show wird politisch. 2018 sei das Jahr, in dem Marihuana endlich erlaubt und sexuelle Belästigung endlich nicht mehr erlaubt sei, fuhr der Moderator fort. Weisse Männer in Hollywood seien schon lange nicht mehr so nervös gewesen.

Die Gründe dafür sind klar: Nachdem der US-Filmmogul Harvey Weinstein von zahlreichen Schauspielerinnen wegen Belästigungen und Übergriffen angeklagt wurde, brach in Hollywood ein Damm: Unter dem Hashtag #MeToo schilderten zahlreiche Frauen und Männer ihre Erfahrungen mit Übergriffen. Nach Weinstein folgten Enthüllungen über Louis C.K., Kevin Spacey, Brett Ratner und zahlreiche weitere prominente Männer. Meyers hatte also Recht, als er sagte: «An alle männlichen Nominierten: Das ist das erste Mal seit drei Monaten, dass es nicht mehr furchterregend ist, wenn ihr euren Name hört.»

Weinstein werde heute nicht hier sein, verkündete Meyers weiter. «Aber er wird in 20 Jahren zurück sein als erster Mensch, der während seinem Memorandum ausgebuht wird.» Autsch. Auch Kevin Spacey und Woody Allen kriegten ihr Fett weg. Dazu kam eine Prise obligates Trump-Bashing. Schliesslich ist die Zeit, in der der Skandalfilm «The Interview» das grösste Problem mit Nordkorea darstellte, leider vorbei.

Golden Globes 2018: Why stars wore black on the red carpet - BBC News

Dass sich eine politische Award-Show anbahnte, wurde bereits auf dem roten Teppich klar. Fast alle Schauspielerinnen kleideten sich solidarisch in Schwarz, um auf den Machtmissbrauch in Hollywood hinzuweisen. Klare Worte fand Oprah Winfrey, die den Award für ihr Lebenswerk entgegen nahm: «Zu lange wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren. Aber deren Zeit ist um!», rief sie.

Danach dankte die Talkshow-Ikone den Frauen, die jahrelanges Schweigen zu sexuellen Übergriffen beendet und damit eine Veränderung in Gang gesetzt haben. «Hinter dem Horizont bricht eine neue Zeit für Mädchen und Frauen an.» Auf Twitter wurde Winfrey danach von zahlreichen Fans dazu aufgefordert, für das Präsidentenamt zu kandidieren.

Tatsächlich waren Frauenrechte der rote Faden, welcher sich durch den Abend zog. Zu den Gewinner-Serien zählten «The Handmaid’s Tale» und «Little Big Lies». Erstere ist eine dystopische Geschichte um Frauen, denen allen Rechte weggenommen werden; letztere eine Miniserie, die sich dem Tabuthema häuslicher Missbrauch annahm.

Als die «Will & Grace»-Schauspielerin Debrah Messing vom Entertainment-Sender «E!» interviewt wurde, nutzte sie die Gelegenheit, um auf die Lohndiskriminierung des Senders aufmerksam zu machen. Natalie Portman wies derweil auf die fehlende Nomination von Regisseurinnen hin und betonte bei ihrer Ansprache: «Hier sind alle männlichen (!) Nominierten». Und als Seth Meyers sagte, dass die Golden Globes nun schon 75 Jahre alt seien, kommentierte Jessica Chastain scharfzüngig, dass die imaginäre Gattin der Globes dann wohl von einer 32-Jährigen gespielt werden würde.

Debra Messing Calls Out E! at Golden Globes for Pay Disparity

Es weht ein neuer Wind in Hollywood. Award-Shows sind im Zeitalter von Trump, der neu entfachten Debatte um Rassengewalt und aufkeimendem Rechtsextremismus auch zu politischen Bühnen geworden. Als an den Oscarverleihungen 2016 kein einziger schwarzer Schauspieler und keine einzige schwarze Schauspielerin nominiert wurde, entstand der Hashtag #OscarsSoWhite. Der Missstand wurde ein Jahr später behoben; das Drama «Moonlight» wurde zum symbolischen Gewinnerfilm des Abends.

An den Emmy-Awards 2014 entstand derweil die #AskHerMore-Bewegung. Dahinter stand die Forderung, dass Schauspielerinnen nicht nur Fragen über ihre Outfits oder ihr Beziehungsleben gestellt werden sollen. Man solle den Fokus der Interviews auf ihre Arbeit und ihr Können – und nicht auf ihr Aussehen legen.

(unten weiterlesen)

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Neben Hashtags und starken Voten wird die Politik auch in kleinen Details sichtbar. An der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung trug etwa James Franco einen Pin mit der Aufschrift «Time’s Up», der von der «New York Times» lancierten Kampagne für Opfer von sexuellem Missbrauch. Die Schauspielerin Connie Britton trug ein Oberteil mit dem silbernen Schriftzug «Armut ist sexistisch» und wies damit auf die Tatsache hin, dass Armut vor allem Frauen betrifft. Emma Stone kleidete sich schon an der letztjährigen Oscar-Verleihung politisch: Als sie für «La La Land» den Preis für die beste Hauptdarstellerin entgegen nahm, glänzte auf ihrem goldenen Kleid ein Pin von «Planned Parenthood», einer Organisation, die sich unter anderem für das Recht auf Abtreibungen einsetzt.

Während also in den USA ein grössenwahnsinniger Verrückter gerade über einen möglichen atomaren Krieg twittert, werden die Bühnen von Award-Shows zu Parlamenten. Und das ist gut so: Die US-Filmbranche beeinflusst auch unsere Kultur wie kaum eine andere und dass auf den grossen Bühnen dieser Welt vermehrt zu politischen Themen Stellung bezogen wird, hat eine wichtige Signalwirkung. Denn damit sich Dinge ändern, müssen sie thematisiert und ausgesprochen werden. Gerne auch mit goldenen Pins, glitzernden Schriftzügen, populären Hashtags, schwarzen Roben, intelligenten Witzen und emotionalen Reden von Filmikonen.

Eine Stimme zu haben ist nämlich noch immer ein Privileg – und an diesen neuen Hollywood-Glamour könnten wir uns gewöhnen.

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Anne-Sophie Keller

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