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Die Extasia ist der traurigste Ort der Welt

Es klingt wie ein schlechter Witz: «Geht eine Feministin an eine Erotikmesse…» Ich habs doch gemacht. Und einen aufschlussreichen Blick auf meine eigene Zerrissenheit und meine eigenen Vorurteile erhalten.

Anne-Sophie Keller
Mittwoch, 13. Dezember 2017 / 18:45 Uhr

Die Männer an der Erotikmesse sind so, wie man sich Männer an einer Erotikmesse vorstellt: Sie sind meistens alt, haben einen Ranzen, eine alte Digitalkamera in der Hand und diesen verzweifelten Gesichtsausdruck. Als wäre es ihnen selber nicht ganz wohl hier.

Die Frauen an der Erotikmesse sind so, wie man sich Frauen an einer Erotikmesse vorstellt: Sie sind meistens jung, haben einen durchtrainierten Körper, freizügige Kleidung und diesen gewinnenden Gesichtsausdruck. Als wäre es ihnen selber ganz wohl hier.

Mittendrin stehe ich. Selbsternannte Feministin und 28-jährige Frau mit ziemlich hoher Toleranzschwelle, was sexuelle Ausdrucksformen anbetrifft. Meine ich zumindest. Die vielen Stände betrachte ich mit Interesse. Pornos, Dildos und Lingerie so weit das Auge reicht. Irgendwo kann man sich fesseln lassen. Die Jungs dort sind sympathisch und sagen: «Quickie gibts hier nicht. Bei uns kommt eine Frau erst nach einer halben Stunde — dafür dann richtig.» Immer mal wieder laufen Leute in BDSM-Kleidung durch. Sie sind so ziemlich die Einzigen, denen ich abkaufe, dass sie einen lustvollen Umgang mit ihrer eigenen Sexualität haben.

Denn das, was ich sonst an der Sexmesse sehe, beelendet mich nur. Sexualität sollte in meinen Augen etwas sein, zu dem man einen natürlichen, achtsamen und lustvollen Bezug hat. Hier wirkt alles irgendwie unterdrückt. Am augenscheinlichsten wird das bei den Shows, an denen sich meist Frauen auf Bühnen ausziehen, räkeln, berühren. In der ersten Reihe stehen grimmig schauende ältere Herren, die den Bewegungen der Frau aufgeregt folgen. Sie haben alle eine Kamera in der Hand und ich frage mich, wer von denen schon eine Latte hat. Ob die erst zu Hause wichsen oder schon hier auf der Toilette. Ich entscheide, hier nicht pinkeln zu gehen.

Doch warum eigentlich? Warum finde ich das so grusig hier? Sex ist nie sauber und ordentlich. Aber dieser schräge Vibe hier und die angespannten Gesichter … Wenn ich die Männer mit Kamera in ihrer Hand anspreche, schrecken sie fast zusammen. Ich möchte mit ihnen reden, aber sie gehen mir aus dem Weg. Als würden sie sich irgendwie ertappt fühlen. Als hätte ich sie bei etwas gestört, das ihnen dann doch zu intim ist — sogar im Rahmen einer Sexmesse. Sind sie denn nicht auch Opfer einer sexistischen Gesellschaft? Einer mit so hohen Ansprüchen an Männlichkeit und Potenz, denen fast niemand gerecht werden kann. Einer Gesellschaft, deren Umbruch in Zeiten von #MeToo vielen zu schnell geht und sie zu fest verunsichert.

Dass die Frau auf der Bühne gefilmt wird, geschieht ziemlich sicher einvernehmlich. Und doch komme ich nicht umhin, das Szenario entmenschlichend zu finden. Auf Facebook schreibt einer, die Sexmesse sei wie die Olma: eine Viehschau. Mal abgesehen davon, dass dieser Vergleich misogyn bis zum Gehtnichtmehr ist, verstehe ich ihn.

An der Sexmesse scheiden sich die Geister; die unterschiedlichen Werteverständnisse der Menschen werden ungewohnt sichtbar. Die einen finden diesen Event ähnlich verwerflich wie einen Puffbesuch. Sex ist für sie irgendwie böse, grusig, schmuddelig. Sie bezeichnen die Frauen als Schlampen und die Männer als Lustmolche. Gnadenlos. Den christlichen Prediger am Eingang, der vor Ehebruch warnt, zähle ich jetzt mal zu dieser Gruppierung. Die anderen finden die Messe etwas Schönes, das in einer Gesellschaft mit einer befreiten Sexualität stattfinden können sollte. Womöglich denken die einigen Paare, die ich an diesem Abend sehe, ähnlich.

Ich hänge ein bisschen mit den Girls herum. Sie sind humorvoll, wirken zufrieden, stark. Sich für Geld ausziehen — warum auch nicht? Wenn jemand dafür bezahlt? Schliesslich lassen auf der Bühne ab und zu auch mal ein paar Männer vor amüsiertem Frauenpublikum die Hüllen fallen. Their bodies, their choice.

Und doch finde ich das in einer Gesellschaft, die Frauen systematisch auf ihr Aussehen reduziert, problematisch. Ich finde die Pornos, die hier verkauft werden, problematisch, weil in dieser Branche zahlreiche Grenzüberschreitungen stattfinden. Ich finde die Tatsache, dass sich so ziemlich alle die Titten haben machen lassen, problematisch, weil ich ein Schönheitsideal, dem niemand auf natürliche Weise mehr entsprechen kann, bedenklich finde. Ich finde es problematisch, dass viele Frauen hier kaum Deutsch sprechen, was vermuten lässt, dass Nacktsein eine der besseren Optionen in ihrem Lebenslauf war. Und doch höre ich bei alldem die Emanzenstimme in meinem Kopf: Their body, their choice.

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Die Show auf der Bühne neigt sich langsam dem Ende zu. Ich zücke die Kamera und filme nicht die Frau auf der Bühne, sondern die Männer, die ihr zuschauen. Ich werde zur Voyeuristin der Voyeuristen. Ich betrachte ihren Male Gaze durch meinen Female Gaze und merke: Es sind nicht die bösen Männer, die die armen nackten Frauen beobachten. Es sind die Frauen auf der Bühne, die hier die Kontrolle über ihre Sexualität haben — und die Männer, die ihre Grenzen respektieren müssen. Eigentlich cool. Eigentlich so, wie es sein sollte.

Und doch macht mich dieser Ort traurig. Die hämmernde Clubmusik, die um fünf Uhr nachmittags noch völlig deplatziert wirkt. Das billige Poster in der Food-Ecke, auf dem ein nackter Typ sein Glied mit einem Stück Pizza bedeckt. Die vielen Menschen mit einer Behinderung, die womöglich hier sind, weil es für sie draussen im echten Leben immer noch unglaublich schwierig ist, einen normalen Umgang mit ihrer Sexualität zu leben. Die pickligen Jungs, denen man sagen möchte, dass die richtige Frau dann schon noch kommt und Bad Boys nicht immer Hochkonjunktur haben werden. Die Frauen, die für ihren Körpereinsatz bestimmt einen Scheisslohn kriegen. Der ganze Sex, der hier überall aber nirgends wirklich ist.

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Anne-Sophie Keller

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