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Der Fall Gymnasium Oberaargau – Es geht um viel mehr

Es ist 2018. Leider hat das die Schulleitung eines Berner Gymnasiums verschlafen.

Silvia Princigalli
Dienstag, 12. Juni 2018 / 20:01 Uhr

Anfang dieser Woche beschäftigte das Gymnasium Oberaargau in Langenthal die Schweizer Medien: Die Schulleitung hatte wenige Tag zuvor ihren Schülerinnen eine Kleiderempfehlung für die bevorstehenden Sommertage via Email zukommen lassen. Genau, nur den Schülerinnen. Und in den Kommentarspalten der Onlinemedien, die darüber berichteten, tobte der Kommentarkrieg: «Sexistisch!», finden die einen. «Dringend nötig!», die anderen.

Wir sind selbst nach Langenthal gefahren, um vor Ort nachzufragen. Und haben festgestellt: Hinter der Geschichte steckt viel mehr. Es geht um Schuldzuweisungen, Überforderung und unterlassene Verantwortung. (Mein Redaktionskollege Sven Paulin hat sich für unsere Reportage in ein Outfit geschmissen, das laut der Verordnung des Gymnasiums für Mädchen nicht empfohlen wird: Ein Top, das Schultern und Bauch frei lässt. Hosen, die nicht der vorgeschriebenen Länge entsprechen.)

Sven Paulin für izzy Magazine am Gymnasium Oberaargau in Bern.

«Es geht hier um eine Empfehlung, nicht um eine Verordnung», sagt Rektorin Barbara Kunz. Schlimm ist nicht allein, dass sich das Schreiben an bloss ein Geschlecht richtet, sondern dass die Illustration, die dafür verwendet wurde, ursprünglich für beide Geschlechter konzipiert war. Blöderweise hatte die Schulleitung hierfür die Vorlage aus der Googlesuche von einem deutschen Gymnasium geklaut und für eigene Zwecke umgeschnitten. «Rückblickend würden wir so etwas selbst gestalten. Das war klar ein Fehler. Wir waren kurz vor Sommeranbruch wegen der Matruaabschlussprüfungen jedoch etwas unter Zeitdruck», ergänzt Kunz. Ach so. Sorry, dass der Sommer dieses Jahr unangekündigt eingetroffen ist.

Via Email wurde den Schülerinnen des Gymnasiums Oberaargau dieses Merkblatt zugesendet.
Unglücklicherweise hatte die Schulleitung eine Grafik von einem deutschen Gymnasium übernommen und in ihrem eigenen Sinne umgestaltet.

Wenn die Empfehlung zur Verordnung wird

Des Weiteren geht es auch darum, dass es sich bei den Schülerinnen und Schüler dieses Gymnasiums um heranwachsende Jugendliche handelt, die sich in einer Umbruchphase des Lebens befinden. In dieser Zeit bedeutet das Gymnasium vier oder mehr Jahre das Universum für sie. Der Nabel ihrer Welt. Wenn ich dafür eine «Empfehlung» bekomme, wie ich mich in diesem Umfeld zu verhalten habe, dann nehme ich das als Verordnung wahr. Egal, als welche sie von der Schule (aus rechtlichen Gründen) deklariert wurde.

Mit einer solchen Empfehlung macht man Mädchen zu Objekten, die sich durch «angemessene Kleidung» vor Blicken schützen müssen, und Jungs zu triebgesteuerten Idioten, die sich nicht mehr im Griff haben, sobald sie ein Dekolleté sehen. Unsere Gespräche auf dem Schulhof zeigen aber: Die Schüler fühlen sich nicht durch die Kleidung ihrer Mitschülerinnen abgelenkt. Das Problem scheint woanders zu liegen, denn angeblich hätten sich Lehrkräfte der Schule bei der Leitung darüber beklagt, dass es ihnen bei manchen Schülerinnen unmöglich sei, ohne «falsche» Blicke zu unterrichten. Als wir einen Lehrer auf diese Aussage ansprechen, dementiert er den Vorwurf. Die Schuld, die Fehler, die Tatsache aus welcher Reklamation heraus der Gedanke zu diesem Leitfaden für Jugendliche entstanden ist, will demnach keiner tragen.

Die Gymnasiastinnen reagierten auf die Kleiderempfehlung der Schulleitung mit ihren eigenen Flyern.

Nicht Kleidervorschriften, sondern ein respektvoller Umgang miteinander sollte auf dem Lehrplan eines Gymnasiums stehen. Der Fakt, dass egal, ob jemand zugeknöpft, in Hotpants, mit unbedeckten Schultern, mit einem Ausschnitt oder mit einem bauchfreien Oberteil bekleidet, Respekt verdient.

Mich beruhigt es, dass im Fall Oberaargau bei den Jugendlichen bereits ein Sinn für eine solche Lebensphilosophie vorhanden ist. Sonst hätte es keinen Aufstand, keine Demonstration und keine Flyer von seitens der Gymnasiasten und Gymnasiastinnen gegeben. Das scheint aber leider noch nicht bei allen angekommen zu sein. Denn man versucht hier, veraltete Strukturen in frische Köpfe zu pflanzen. Wenn sich eine männliche Lehrperson mit dem Einblick in das Dekolleté einer 14-jährigen Schülerin überfordert fühlt, dann liegt das Problem bestimmt nicht bei der Schülerin.

Vielleicht gibt es keine optimale Lösung, wie man mit einer solchen vielschichtigen Situation umgeht. Der Anfang würde aber allenfalls darin liegen, einfach einen Diskurs zu suchen – und zwar mit den Schülerinnen und Schülern. Denn wir schreiben das Jahr 2018. Ja, auch in Schulen. Danke.

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