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Das Schweigen der Männer

Wenn Männer von ihren Partnerinnen geschlagen werden, dann entsteht nicht nur Schmerz, sondern auch ganz viel Scham. Darüber reden will keiner. Das muss sich ändern.

Anne-Sophie Keller
Freitag, 8. Februar 2019 / 12:00 Uhr

Ich bin seit 10 Jahren Journalistin und durfte in dieser Rolle schon mehrere 1000 Geschichten erzählen. Bei uns in der Redaktion gelte ich als das Castingbüro. Ich finde für jedes Thema ProtagonistInnen. Jedes. Bei izzy warens zum Beispiel Ex-Prostituierte, Sozialhilfe-Bezügerinnen, Sterbehilfe-Betroffene, Querschnittgelähmte, Kopftuchträgerinnen, Vergewaltigungsopfer, ausschaffungsgefährdete Geflüchtete, beschnittene Frauen, Folteropfer, Zwangsverheiratete, HIV-Positive, Demenzkranke, verzweifelte Väter, Autistenmütter und Betroffene für das erste #MeToo-Video, das in der Schweiz publiziert wurde.

Warum wir solche Videos machen? Weil es eine der wichtigsten Aufgaben des Journalismus ist, denen, die sonst nicht gehört werden, eine Stimme zu verleihen. Wenn man Dinge thematisiert, entfacht das eine Diskussion und somit wird ein öffentlicher Diskurs, der in einer Demokratie unabdingbar ist, erst möglich. Schamgefühle können überwunden werden, Tabus gebrochen, Vorurteile entkräftet. «Stories hold our cure», sagte die Komikerin Hannah Gadsby mal so unglaublich schön. Journalismus muss objektiv sein, aber er muss meiner Meinung nach auch anwaltschaftlich sein.

Das haben wir geschafft. Bis jetzt. Ich suche seit Jahren einen Mann, der mir erzählt, wie er von seiner Partnerin geschlagen wurde. Weil ich es wichtig finde, mit dem Vorurteil zu brechen, dass die Männer per se die Täter und die Frauen per se die Opfer sind. Aber es gibt bis heute kein männliches Gewaltopfer, das hinsteht. Es gibt Berichte über dieses Thema, aber die meisten Geschichten sind anonymisiert. Ich hatte drei Zusagen, um einen solchen Beitrag zu machen. Gefolgt von drei kurzfristigen Absagen, weil die Angst einfach zu gross war.

Die Angst, sich blosszustellen. Die Angst, das Gesicht zu verlieren. Die Angst, dass einem nicht geglaubt wird. Gewaltbetroffene Männer kriegen in unserer Gesellschaft den ohnehin schon hässlichen Sexismus ganz besonders zu spüren. «Du kannst dich nicht mal gegen eine Frau wehren? Du hättest doch zurückschlagen können! Sei ein echter Mann.» So klingt es, wenn Männer über ihre prügelnde Freundinnen und Frauen reden. Kein Mann würde sich das freiwillig antun.

Nicht in einer Gesellschaft, in welcher der Begriff «Opfer» instrumentalisiert und als Beleidigung benutzt wird. Über Opfer macht man sich lustig weil sie uns als Gesellschaft überfordern. Sie zeigen auf, was falsch läuft. Opfer stören uns weil sie uns den Spiegel vorhalten und uns dazu zwingen, unser eigenes Verhalten zu reflektieren.

Warum wehren sich Männer nicht einfach? Weil in Gewaltbeziehungen nichts einfach ist. Viele Männer haben von ihren Vätern Gewalt erlebt und möchten diesen Teufelskreis endlich durchbrechen. Einige sind in den entsprechenden Situationen gelähmt und völlig blockiert – eine gängige Schockreaktion. Und die meisten verstehen: Gewalt kann nicht mit noch mehr Gewalt gelöst werden. Zudem: Wer schlägt schon eine Frau? Was, wenn die Kinder das sehen? Was, wenn die Polizei eingeschaltet wird?

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Wenn gewaltbetroffene Männer über ihr Schicksal reden, geht es für sie um alles – in vielen Fällen um die eigenen Kinder. Die Partnerinnen gewaltbetroffener Männer nutzen nicht nur körperliche, sondern in vielen Fällen auch psychische Gewalt. Sie manipulieren, lügen, erpressen. Noch heute haben Väter vor dem Gesetz viel weniger Rechte und könnten alles verlieren, wenn sie reden. Müttern wird viel eher geglaubt; Kinder werden aus guten Gründen besonders geschützt. Wenn eine Mutter will, dann kann sie einem Vater die Kinder wegnehmen.

Dieses Risiko geht niemand ein. Und darum bleibt um das Thema der männlichen Gewaltopfer diese Mauer des Schweigens bestehen. Ich hoffe, dass sich das eines Tages ändern wird. Ich hoffe, dass es in ein paar Jahren nicht mehr so viel Überwindung braucht, damit Männer sich in dieser Sache emanzipieren. Ich hoffe, dass sie verstehen, dass es nichts Heroisches darin gibt, einfach einzustecken. Ich hoffe, dass die Täterinnen lernen, mit ihrer Verzweiflung und Überforderung anders umzugehen statt ihren Schmerz auf Unschuldige zu übertragen. Ich hoffe, dass Väter nicht mehr um ihre Kinder fürchten müssen.

Wenn Betroffene einer marginalisierten oder bedrohten Gruppe öffentlich eine Stimme erhalten, kriegen die ZuschauerInnen einen Einblick in Realitäten weitab von den eigenen. Nur so kann Empathie entwickelt werden; nur so können wir als Gesellschaft wachsen und weiterkommen. Unter den Betroffenen entsteht zudem ein Gefühl von Solidarität: «Du bist nicht alleine. Es ist okay. Hol dir Hilfe. Du musst dich nicht schämen. Es ist nicht deine Schuld.» Darum geht es. Nur um das. Wenn wir bei izzy zum Beispiel einen Beitrag über eine lesbische Pfarrerin veröffentlichen und sich danach auch nur ein Teenager dazu überwinden kann, sich in seiner gläubigen Familie zu outen, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Über das Unsagbare zu sprechen, braucht Mut. Immer. Wenn wir Menschen für ein Video finden, ist das meist ein langer Prozess, der geprägt ist von einem gegenseitigen Herantasten. Wenn sich ein Geflüchteter vor unsere Kamera stellt und über seine drohende Ausschaffung erzählt, dann wird er zu einer Figur in einem öffentlichen Diskurs. Er riskiert Hasskommentare, öffentliche Demütigungen und eine Re-Traumatisierung beim Erzählen seiner Geschichte. Unsere Aufgabe als Redaktion ist es dann, diese Folgen abzuschätzen und den Erzählenden ein sicheres Umfeld zu schaffen, in dem sie uns vertrauen. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, den Opfern zuzuhören und sie Ernst zu nehmen.

Bis es soweit ist, hier stellvertretend für alle Betroffenen: Du bist nicht alleine. Es ist okay. Hol dir Hilfe. Du musst dich nicht schämen. Es ist nicht deine Schuld.

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Anne-Sophie Keller

Krawalle & Liebe

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