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Das Problem mit Kollegah, Trauffer & Co

«Ich fick' sie, bis ihr Steissbein bricht», heisst es im Song «Ave Maria» von Kollegah und Farid Bang. Die beiden Rapper machen damit einmal mehr klar: Frauenverachtende Lyrics sind auch 2017 noch voll in Ordnung. Und sie sind damit nicht allein.

Miriam Suter
Mittwoch, 13. Dezember 2017 / 18:47 Uhr

2017 in der Schweiz: Parlamentariern muss aufgezeigt werden, was der Unterschied zwischen Flirten und sexueller Belästigung ist, im Radio singt Trauffer von einem Heidi, das ihn im kurzen Röckchen und mit tiefem Ausschnitt auf seiner Alp besucht und zwei selbsternannte Bosse des deutschen Gangsterraps nennen Frauen Nutten und rappen darüber, wie sie sie «ficken, bis ihr Steissbein bricht». Mit Verlaub, aber: schliifts?

In Zeiten von #MeToo diskutieren wir global über die Erfahrungen von Frauen mit sexueller Gewalt, Männer, die dafür verantwortlich sind, bekommen endlich die Abstrafe, die sie verdienen, und sogar konservative Medien setzen sich mit dem Thema Feminismus auseinander. Gleichzeitig scheint in der Musikwelt aber Narrenfreiheit zu gelten. Im Beispiel von Trauffers «Geissepeter» etwa. Der Song kommt locker-flockig daher, die Melodie ist so eingängig, dass ich sie leider tagelang nicht aus meinem Kopf kriege.

Trauffer - Geissepeter

Die Botschaft, die der Song transportiert, ist dann aber nicht mehr so flauschig: Frauen, in diesem Fall Heidi, sind dümmliche Gespielinnen, die dir manchmal einen Kuchen bringen und eigentlich zu nichts taugen ausser ab und zu den Geissen-Anhänger zum Wackeln zu bringen. Aber das ist ja voll in Ordnung, denn zum Abhängen hat Trauffer ja seine coolen Kumpels, die spielen sogar auf einer 4-fachen Gitarre! Das sei alles nicht so schlimm, findet Trauffer übrigens selber. Ist ja alles gar nicht so gemeint. Man sei ja nicht gezwungen, seine Songs zu hören, und er wolle mit seiner Musik den Leuten einfach ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Hier wäre dann meins:

Noch grafischer wirds im Song «Ave Maria» von Kollegah und Farid Bang: Die beiden Jungs inszenieren sich als krasse Typen, als Bosse, die rumschiessen, weil das ja total männlich ist, eine reiche Familie überfallen und den Sohn entführen. Im Video zum Song kommt die Frau übrigens nur in der Rolle der Mutter vor, der das Herz gebrochen wird. Das scheinen auch die einzigen Dimensionen zu sein, in denen sich die zwei Rapper Frauen vorstellen können: Hure oder Heilige. In den Lyrics heisst es dann nämlich: «Dein Chick ist ‘ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick’ sie, bis ihr Steissbein bricht». Weil es das Schlimmste ist, was du einem anderen Mann antun kannst: «seine» Freundin zu ficken. Was sie will, ist im Moment erstmal wurscht. Aber hey, mega easy, weil das ist ja alles gar nicht so gemeint, das ist Kunstfreiheit! Lächle doch mal!

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Als ich mich darüber aufrege, meinen meine Redaktionskollegen bloss: «Ja und, das ist halt einfach ein neuer Kollegah-Song, wo ist das Problem?» Das Problem, liebe Jungs, ist, dass ihr das nicht nachvollziehen könnt. Natürlich ist es für euch einfach, zu sagen, ich soll mich nicht aufregen. In solchen Songs gehts schliesslich auch nicht darum, wie Männern sexuelle Gewalt angetan wird.

Ihr habt keine Ahnung, wie es sich als Frau anfühlen kann, sowas zu hören. Und was es für ein Gefühl ist, dass wir nicht ernst genommen werden, wenn wir sagen, dass uns das stört – im Gegenteil, wir werden dafür bestraft und beschimpft. So passiert etwa bei der Moderatorin Gülsha, die sich in ihrer TV-Sendung mit klaren Worten an Trauffer richtete:

Als Konsequenz wurde die St. Gallerin in den Kommentaren und auf Social Media rassistisch beschimpft – übrigens nicht nur von Männern.

Das Problem mit Trauffer, Kollegah, Farid Bang und Konsorten ist nicht, dass mir die Songs nicht gefallen. Und es geht nicht darum, Kunst zensieren zu wollen. Denn so einfach ist es nicht, das geht tiefer. Mich schüttelts, wenn ich daran denke, dass sich 14-Jährige solche sexistische Kackscheisse reinziehen und damit unterbewusst Rollenbilder verinnerlichen, die unter aller Sau sind: Jungs sind Bosse, Mädchen Nutten. Dass junge Mädchen sowas hören und davon mitnehmen, dass sie als Frau weniger wert sind. Dass es in Ordnung ist, sie als Schlampe zu bezeichnen, ihnen sexuelle Gewalt anzudrohen, sie nicht als Menschen wahrzunehmen.

2017 ist übrigens auch das Jahr, in dem in den USA «Feminism» zum Wort des Jahres gekürt wurde und auch in der Schweiz gingen Anfangs Jahr Zehntausende anlässlich des Women‘s March auf die Strasse. Ich lasse mir die Hoffnung nicht nehmen.

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Miriam Suter

Journalistin

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